Einen Karren mit zwei toten Pferden bringt auch keine Peitsche mehr vorwärts.
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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Peters Entgleisungen

In der Wirtschaftswoche | 19.05.2005 | Nr.21 gibt es ein Interview, in dem sich Peter Sloterdijk, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe über Athleten der Ignoranz, kosmische Idioten, die Verlierer der Globalisierung - und über den Dschihad gegen den Kapitalismus in Deutschland auslässt.

Die Auslassungen dieses Rektors einer Hochschule für Gestaltung wurden in ein Interview gepackt, dessen Fragen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. - Die erste Frage der Wirtschaftswoche an Peter Sloterdijk zeigt direkt, worin das Interwiew gipfeln soll.

Wirtschaftswoche: "Herr Professor Sloterdijk, seit einigen Wochen wird in Deutschland eine erstaunlich enge Diskussion über Globalisierung, Geld und Kapitalismus geführt. Warum ist diese Debatte, angesichts der Tradition des Themas in Deutschland, so kleinmütig?"

Abgesehen von den beiden falschen Kommas in der Frage birgt die gedankliche Konstruktion direkte Bindungen an eine bestimmte Sichtweise und den Zwang, entweder zu widersprechen oder den Minimalraum der Frage zum Antworten zu benutzen. Erwartungsgemäß steigt der Herr Professor Peter Sloterdijk gutmütig auf diese Rutschbahn.

Damit wirds schon ziemlich langweilig, weil nicht im Entferntesten kontrovers. Man spürt sofort, dass sich der Fragende und der Herr Professor Peter Sloterdijk sehr einig sind. Es drängt sich dem Leser die Frage auf, wieso die Frage nicht mit den Worten endet: Moment, ich antworte selbst.

Zu den oben erwähnten Bindungen:

1) erstaunlich enge Diskussion: Mit dieser Vorgabe wird impliziert, dass alle Kapitalismuszweifler engstirnig sind. Die beiden Diskutanten stehen weit, weit über der besprochenen Klientel. Die ungeheure Kompetenz des Professors Sloterdijk wird schon weit vor der Fußmatte des Hauses mit eindeutiger Formulierung gewürdigt. Der Herr Professor Sloterdijk ist garantiert breiter gefächert als die Kapitalismuszweifler! Darin sind sich die Wirtschaftwoche und Herr S. äußerst einig.

2) angesichts der reichen Tradition: Will die Wirtschaftswoche andeuten, dass das Thema fad und ausgetreten ist? Will sie herüberbringen, dass doch nun endlich die Deutschen verdammt nochmal genug am Kapitalismus herumkritisiert haben? Sollte nun nicht endlich der Deutsche ... ?

Mit seiner Antwort nimmt Herr Professor Sloterdijk die Einladung zum geistigen One-Night-Stand gerne an:

Sloterdijk: "Weil man nicht begreifen will, was Karl Marx schon 1848 wusste ..."

Soweit erstmal! Die Typen, die Deutschen, wollen also einfach nicht begreifen! Aha. Jetzt sehen wir klarer. Es liegt an der verdammten Einstellung der Deutschen. Das muss ja schiefgehen. Deswegen wahrscheinlich auch das Verbot eines Referendums. Ach so! Die Deutschen wollen nicht begreifen. Dann liegt es ja auf der Hand, dass die Deutschen wieder einmal von jemandem geführt werden müssen.

Weiter gehts mit Sloterdijk: "... dass die Kapitalbewegung die Triebkraft zu allen modernen Emanzipationen liefert."

Aha! Das Geld hat also den Frauen das Wahlrecht verschafft. Warum werden eigentlich in Afrika die Frauen noch beschnitten? Ach so! Weil die kein Geld haben. - Jetzt habe ich doch mal wirklich etwas dazugelernt! - Mann, bin ich froh, die Wirtschaftswoche gelesen zu haben!

Und weiter (Das Folgende ist ein wenig trocken und weit hergeholt, aber es mündet in einer direkten Klage):

Sloterdijk: "Nur scheinbar hatte der Begriff "Kapitalismus" in den vergangenen 20 Jahren seine schimpfwörtliche Bedeutung verloren. Seit den Achtzigerjahren war ein solider Burgfrieden zwischen Arbeit und Kapital verwirklicht - die ganze Welt schien reif für die Sozialdemokratie. Man konnte sich der Illusion hingeben, der "Kapitalismus" sei ein moralisch neutrales Datum geworden. Plötzlich wird der Ausdruck wieder in seiner polemischen Akzentuierung aufgenommen - was nichts anderes bedeutet, als dass er von Neuem ein Kampfwort im Munde von Verlierern wird."

Auffällig ist die Setzung des Kampfwortes Kapitalismus in Anführungsstriche. Ach wie distanziert ist der Herr Professor Peter Sloterdijk von der Anwendung dieses Wortes. In Wirklichkeit handelt es sich ja nicht um Kapitalismus. Deswegen muss das Wort erst einmal in Anführungsstriche gesetzt werden. So als wenn man über "Arschlöcher" und "Idioten" schreibt. Oder über "solche Menschen" und "die Neger". Damit wird über die Schrift festgesetzt, dass der Kapitalismus im Grunde keine reale Größe ist, sondern nur eine Denkmusterkategorie in unserem Hirn. Besonders die Deutschen sind ja - Komma - angesichts ihrer reichen Tradition - Komma - besonders dafür geeignet, so zu denken.

Oder anders gesagt: Den Kapitalismus als solchen gibts nur in der Phantasie der Verlierer.

Zum weiteren Sinngehalt der Aussage: In der Tat verblasst die schädliche Wirkung des Kapitalismus, wenn alle Bevölkerungsschichten am Profit wenigstens geringfügig beteiligt werden! Der Kapitalismus als Begriff bekommt selbstverständlich seinen schimpfwörtlichen Charakter, wenn er für die wirtschaftliche Unterdrückung des Normalmenschen verantwortlich ist.

Mit dem Terminus der Verlierer hat Herr Professor Sloterdijk für eine Sekunde Recht! Aber er verspielt diesen (wahrscheinlich ungewolllten) Wahrheitskern seiner Rede, indem er in der folgenden Antwort nicht die wahren Verlierer benennt, nämlich die Menschen, sondern von einem Müntefering philosophiert.

Einen Fingerzeig darauf, bei welcher Leserschaft Sloterdijk ankommt, gibt das Buch Philosophie für Angeber von Anton Sterzl. Fundstelle
Das auffälligste am Neoliberalismus ist die Unmöglichkeit, über ihn eine offene und ehrliche Diskussion zu führen. Trotz ihrer empirischen Stärke und ihres Engagements für demokratische Werte bleibt Chomskys Kritik in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Aber dies lässt sich anhand seiner Theorie der Medien in kapitalistischen Demokratien erklären. Die konzerngesteuerten Nachrichtenorgane, die Werbeindustrie, die akademischen Ideologen und die Intellektuellenkultur spielen die zentrale Rolle bei der Verbreitung der »notwendigen Illusionen«, die eine triste Wirklichkeit als vernünftig, wohlwollend und notwendig, wo nicht gar notwendigerweise wünschenswert erscheinen lassen. Er weist nachdrücklich darauf hin, dass es dazu keiner formellen Verschwörung zwischen den einzelnen Machtsektoren bedarf. Über eine Vielzahl von institutionellen Mechanismen erhalten Intellektuelle, Gelehrte und Journalisten Signale, die sie dazu bringen, den Status quo für die beste aller möglichen Welten zu halten, so dass sie nicht auf die Idee kommen, diejenigen anzugreifen, die vom Status quo profitieren. Fundstelle
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