Wir-Gefühl
Oh Klinsmann! Du hast Deutschland mit einem neuen Wir-Gefühl gesegnet. Endlich dürfen sich die Reichen wieder einreihen ins deutsche Volk. Endlich sind die offensichtlichen Unterschiede zwischen den reichen Deutschen und den Deutschen, die am Rand des Überlebens rangieren, gut verwischt. Gut, dass es dich gibt. Du verhilfst Deutschland zu einer neuen Stufe der blinden Menschenschinderei. Du hast so wunderbar die Droge des Wir-Gefühls in die Augen der Deutschen geschüttet. Merkel muss dir dankbar sein. Und die Konzerne auch.
Sie können jetzt noch brutaler zuschlagen und neu anfangen mit ihrem Spiel, Existenzen zu vernichten und ihre Wettbewerbshände in Unschuld zu waschen.
Klinsmann. Du wolltest deine Sache gut machen. Hast du auch. - Doch die deutsche Falle des Wir-Gefühls bleibt die Potenz zu noch mehr Unmenschlichkeit. Noch mehr zeitgeistige Dreckigkeit ist die Folge des deutschen Wir-Gefühls. Klinsmann, du wärst der perfekte Nebelmann für George W. Bush gewesen.
Das nimmt dir keiner übel. Weil es keiner realisiert. Du auch nicht. Du kommst mit einer guten Sache. Die wird - typisch deutsch und typisch Mensch - gründlich missbraucht. Die Einordnung des Faktors Klinsmann und des Wir-Gefühls läuft über die zeitgeistige Welle der Konzernpolitik. Privatisierung, Entmenschlichung, Raub durch Aktienpolitik. All das braucht neue Frische. All das muss in einen neuen Blumentopf, damit es noch mal schneller dem Ende zugehen kann.
Und du, Klinsmann, hast diesen Blumentopf geliefert.
Dass du davon keine Ahnung hast, kann dir keiner übelnehmen. Nur eins kann man dir anrechnen: Du hast dich nie darum gekümmert, was Arbeitslosigkeit bedeutet. Du hast keinen Anlass, darüber nachzudenken, wie man die unten angesiedelten Menschen unserer Gesellschaft auffangen kann oder sollte.
Du wirst perfekt missbraucht. Dein Ding war gut und hat viel bewegt. Aber die Primitivität des Gröhlens, das wohl sehr verwand sein muss mit dem Hurra der Kriegshelden 1914, dreht das Ganze in dieses ungute Deutsche, das viele Millionen Menschen mit dem Leben bezahlt haben.
Heute geht es darum, dass dieses deutsche Wirgefühl eine neue Plattform schafft, der gängigen Konzernpolitik neue Reifen zu verpassen. Mit neuem Mut rasen die Deutschen wirgefühlserblindet ins gesellschaftliche Chaos. Neu darf das untere Volk geschunden werden.
Dass du, Klinsmann, wohl andere Sorgen hast, ist klar. Aber hast du mal über die Sorgen eines Hartz-IV-Empfängers nachgedacht? Ist dir klar, dass Deutschland die eigenen Leute massiv an Konzerne ausliefert? Ist dir klar, dass Zwangsarbeit in Deutschland wieder richtig respektabel geworden ist? Ist dir klar, dass Merkel, die so nett am Fußball-Geschehen teilgenommen hat, verantwortet, dass ein großer Teil der Deutschen am Rande des Aus steht?
Argumentiere du nur für die Berechtigung des Erfolgreichen. Ein Erfolgreicher kann nicht anders denken. Ich sage aber: Du bist mit deinem neuen Wirgefühl ein zentnerschwerer Mühlstein für die Benachteiligten in Deutschland geworden.
Dass du davon nichts weißt, ist klar. Dass deutsche Politik das nur dumpf ahnt, auch. Dass Konzerne damit haarklein strategisch umgehen, will keiner wissen.
Lasst euch weiter einkesseln von Konzernen und ihrer Macht. Ich habe kein Wirgefühl.
Und auch kein Mitleid mit euch.
Nachbemerkung: Nach einem ehrlich gespielten und sehr schönen Tor der Portugiesen erbricht der deutsche Kommentator: "Als guter Gastgeber sollte man so etwas zulassen." Wie tief will Deutschland noch sinken. Ist nicht das Wir-Gefühl der Deutschen immer nur das Ach-wir-sind-die-Besten-Gefühl? Deutschland kann nicht ehrlich sein. Deutschland bescheißt sich selbst. Konzernmäßig.
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