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Genickbruch der Wachtturmtheologie

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Wirtschaftswoche: "Fällt den Deutschen das Umdenken besonders schwer?"

Wieder haben die beiden etwas gefunden, was man den Deutschen umhängen kann. Diesmal ist es nicht das Nicht-Begreifen-Wollen, sondern das Schwer-Umdenken-Können! Was für ein Fortschritt in der Gedankenführung. Dass aber Besitzstandsaufgabe immer und für jeden kein Sonntagsspaziergang ist, das bleibt außen vor. (Und wer glaubt, die Reichtümer würden von knittrigen Hexenmeistern wegglobalisiert, der hat noch nicht einmal so sehr Unrecht. Denn die Reichtümer wandern hauptsächlich in die Taschen der Konzerne und ihrer Protagonisten.

Sloterdijk: "Verlieren ist für niemanden leicht. Aber die Deutschen hatten eine Sondertradition - ihr volksgemeinschaftlich gefärbtes, elitefeindliches Konzept von Solidarität. War das nicht unser offenes Geheimnis? Nach 1945 haben wir vom Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt, parteiübergreifend. Folglich konnte damals der einzige real existierende Beinahe-Sozialismus der Welt auf deutschem Boden entstehen, in Form der guten alten Bundesrepublik. Die DDR lieferte hierzu die Parodie."

Immerhin stellt diese "gute alte Bundesrepublik" eine ganze Epoche dar. Da sind mehr als sieben fette Jahre zusammengekommen! Dieses bundesdeutsche Erfolgskonzept verliert auch unter den merkwürdigsten Formulierungen nicht seine Attraktivität. - Und was ist falsch an einem so genannten Beinahe-Sozialismus, wenn er doch die kapitalistischen Grundzüge nicht antastet und so den Markt am Leben erhält. Schließlich war gerade im Beinahe-Sozialismus die Kaufkraft so gesund, dass die Unternehmer - oder die es werden wollten - recht sorgenfrei investieren konnten. Mit Umsatz und Absatz war immer zu rechnen. Das gab allen Sicherheit.

Wenn man bedenkt, dass das Umstellen von Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus - eine gute Leistung der Deutschen - mit Hochleistungsumdenken verbunden war, möchte man angesichts des vorliegenden Interviews das Papier, worauf es gedruckt ist, für etwas anderes verwenden.

Wirtschaftswoche: "Sie übertreiben."

Wer hat noch mit einer kritischen Haltung der Wirtschaftwoche gerechnet! Haben wir es nun doch mit richtigem Journalismus zu tun?

Die Verblüffung ist groß!

Sloterdijk: "Ich glaube nicht. Leben wir nicht auch weiterhin in einem singulären Wohlstands- und Komfortsystem? Das Muster unseres Realitätsdesigns ist immer noch beispielloser Wohlstand in breiter Streuung. Die zur Umverteilung" nach oben? "anstehenden Summen sind nach wie vor enorm - auch bei zeitweiliger Schrumpfung des Volumens. Wenn man das nicht im Auge behält, erzeugt man schwarzen Kitsch. Dass gewisse Einschnitte gleich als apokalyptische Rückschläge empfunden werden, beweist nur, wie sehr man als Bewohner des Wohlstandstreibhauses mit einer automatischen Zuwachserwartung ausgestattet war. Wenn dann einmal das Wachstum ausbleibt, entwickeln Zahllose das Gefühl, bitter zu verarmen. So ruft man unter der bestversorgten Population der Menschheitsgeschichte über Nacht archaische Mangelfantasien hervor."

Es klingele bitte sofort das anthrazitfarbene Telefon und eine dunkle Stimme spreche zu mir und sage mir in allen Farbtönen, was "schwarzer Kitsch" ist. Das wäre hellgrau hilfreich, also aufhellend.

Was ist besser und erstrebenswerter als ein Wohlstands- und Komfortsystem, das allen Beteiligten ermöglicht, ein gutes Auskommen zu haben? Ist das nicht der Sinn und der Kern der Demokratie, dass alle Menschen im Staat gerecht beteiligt werden an der Leistung der Bürger? Wird nicht die Demokratie als Grundlage der einigermaßen gerechten Verteilung der Lebenschancen auf alle nur und immer wieder durch das ihr entgegengesetzte Herrschaftsmuster der Diktatur beseitigt? Für welche Form der Diktatur möchte sich Solterdijk aussprechen? Er kommt damit nicht klar herüber.

Hitlers Reich hat im diktatorischen Sinne und darüber hinaus vieles gemein mit der globalen Diktatur des Geldes: Übertriebenes Elitedenken, die Forderung nach der Opferbereitschaft des Volkes, die Klage über die mangelnde Bereitschaft der "Unteren", diesen Weg zu gehen.

Was Sloterdijk sich hier leistet, ist ein verkapseltes Befürworten globalistischer Wohlstandsrodung mit der Konsequenz der Eliteerhöhung und der Aussicht auf befreites Aufatmen: Endlich brauchen wir uns um die "Unteren" keine Sorgen mehr zu machen. Die sind sowie so im Eimer. Wir müssen sie nur noch kunstvoll davon überzeugen, dass sie kein Auskommen brauchen. Sie sollen froh sein, wenn niemand aus der deutschen Elite "schwarzen Kitsch" erzeugt. Was immer das auch sein mag.

Der Dauervorwurf gegenüber den Deutschen, sie seien panisch übererregt, nur weil sie Haus und Hof aufgeben müssen, ist inzwischen schon derart abgeschmackt, dass es übel herüberkommt, einen Professor mit dieser These im Munde zu erwischen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk erhält den Sigmund-Freund-Preis 2005. Der Preis wird am 5. November gemeinsam mit dem Georg-Büchner-Preis in Darmstadt verliehen, wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Montag mitteilte. Fundstelle

Gut dass er nicht den Sigmund-Freud-Preis kriegt.
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Kommentare:
Der Maßstab für Sloterdijks Urteil ist vermutlich die Schuldenlast für Bund, Land, Kommune. Die allgemeine Verwöhnung ist geborgt! Zusätzlich leisten wir uns eine Dauer-Apologetik, nach der hier die Geschichte anstelle der Zukunft bedacht wird und also Milliarden für unehrenhafte, bildungsschwache und tw. antisemitische Moslems ausgegeben werden. Die linke Sozialfolklore, nach der in Europa quasi Dritte-Welt-Verhältnisse herrschen, ist darauf zurückzuführen, dass für viele die Robin-Hood-Mentalität die einzige Möglichkeit ist, sich auf die sog. Gesellschaft zu beziehen.

M. Gericke, 02.06.2009
Die von Sloterdijk betriebene ideologische Favorisierung des Neoliberalismus hatte bestimmt nicht die Entlastung des Staatshaushalts im Sinn. Ebenso wenig unterstelle ich ihm, dass er wie Sie gegen Moslems agitieren wollte. Viel eher unterstelle ich ihm, dass er einem Philosophen nicht gut zu Gesicht stehenden psychischen Dauereffekt unterliegt, der ihn permanent dazu treibt, den jeweils gängigen Zeitgeist mit blumigen Worten zu verschlagzeilen, um seine eigene Geltung zu erhöhen.

Was eine "Robin-Hood-Mentalität" ist, weiß ich nicht. Zumindest nicht aus eigener Erfahrung.

Rüdiger Hentschel, 03.06.2009
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