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Heimliche Kultivierung des Neoliberalismus
Wirtschaftswoche: "Welche Rolle spielen im deutschen Verwöhnungsraum Unterhaltung, Langeweile - oder mediale Ablenkungsmanöver wie die Kapitalismuskritik? Stabilisieren diese künstlichen Stressoren unsere Trägheit?"
Diese Frage heißt auf deutsch: Macht Fernsehen (denk-)faul?
Den simplen Sachverhalt, dass übermäßiges Fernsehen dick macht und oft auch blöd, vermischt die Wirtschaftswoche mit Münteferings Kapitalismuskritik und möchte Sloterdijk eine weitere Vorlage geben, seine wilden Theorien zu stricken. Die von der Wirtschaftswoche vorgenommene Verbindung zwischen "Glotze" und Münteferings Kapitalismuskritik hat in etwa den gleichen Realitätsgehalt wie eine Verbindung zwischen alten Socken und einem toten Hund. - Beide stinken. Mehr haben sie allerdings nicht gemeinsam.
Diese unzulässige Verquickung völlig voneinander entfernt liegender Begriffe wird schon am Anfang der Frage von der Wirtschaftswoche der kritischen Wahrnehmung des flüchtigen Lesers entrissen, indem das sloterdijktechnische Wort "deutscher Verwöhnungsraum" alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. In vorauseilender Lernbegierde schaut die Wirschaftswoche dem Philosophen tief in die Augen. - Das müssen wirklich glückliche Momente sein!
Sloterdijk: "Entspannung und künstlicher Stress gehören zusammen. Im Innern des Wohlstandstreibhauses gilt das Gesetz von der Ausschaltung des Ernstfalls. Daraus folgt der Primat der Unterhaltung. Warum? Weil Unterhaltung genau das ist, was einsetzt, wenn die Ernstfälle suspendiert sind. Dann wird Unterhaltung aufreibender als das Leben selbst."
Mit der Beeinflussung der Menschen durch Unterhaltung und dem hohen Stellenwert dieser Unterhaltung in unserer Gesellschaft kann Sloterdijk ja nur die Beeinflussung derer meinen, denen durch die forcierte Benachteiligung anderer Bevölkerungsschichten der Wohlstand zugeschanzt wird. Der andere Komplex der Republik ist nämlich voll von Menschen, die sich von ihrer nicht abwendbar erscheinenden Notlage durch Unterhaltung ablenken lassen müssen, um den aussichtslosen Alltag einigermaßen ertragen zu können.
Hinzu kommt der Faktor, dass die Unterhaltung überall auf der Welt immer verführerischer wird, um die Menschen von den tatsächlichen Problemen abzulenken. Aus diesem Blickwinkel wird klar, dass Sloterdijks Vorwurf der Unterhaltungssüchtigkeit der Deutschen völlig verfehlt ist. Sloterdijks Steigerung dieses fragwürdigen Gedankens in die Formulierung "Suspendierung der Ernstfälle" hilft hier nicht aus dem Irrtum, sondern verschärft ihn nur.
Der von Sloterdijk als Wohlstandstreibhaus diffamierte Sozialstaat (der sich ja mit steigender Geschwindigkeit und Intensität selbst abbaut) hat eine Zeit lang für eine gewisse Ausgeglichenheit gesorgt, die nun einem reichen Professor dazu dient, das Leben der Beteiligten als sinnlos hinzustellen, weil es nicht am Ernstfall orientiert sei. Sloterdijk treibt den Vorwurf gegen die unterhaltungssüchtige Bevölkerung auf die Spitze, indem er behauptet, außer dem Unterhalten-Werden habe der Deutsche keine wirkliche Beschäftigung.
Wer genug Geld zum Verreisen hat, sitzt den Urlaub nicht vor der Glotze ab. Die wirklichen Gründe für den fortschreitenden Verfall deutscher Hirntätigkeit erwähnt Sloterdijk nicht, damit er mit seinen Vorwürfen ganz bei der deutschen Bevölkerung bleiben kann.
Die weltweite Konzentration der Menschen auf seichte Unterhaltung hat eher mit dem bestehenden Überangebot zu tun und muss im Grunde darauf zurückgeführt werden, dass diese willkommene Ablenkung von jemandem gewollt ist. Sie ist eingefädelt und marktgerecht verteilt im Interesse der Mächtigen und Reichen, die einfach kein Interesse daran haben, dass das Hirn der unteren Bevölkerungsgruppen anfängt zu arbeiten. Es geht im Kern um das schlichte Ruhighalten der Benachteiligten mit dem Nutzen des schnell erreichten sozialen "Friedens" in der Gesellschaft, wobei man hier wohl besser das Wort Frieden mit Betäubung austauschen sollte.
Soterdijk zäumt das Pferd von hinten auf, um so den Neoliberalismus durchs Hintertürchen noch einmal als Naturgesetz zu betonieren und festzutreten. Seine Denkeinstellung rekrutiert sich deutlich aus dem großen simplen Topf noeliberalen Denkens. Sloterdijk hat Mühe, sich farblich von dieser einheitsbreiigen Masse zu unterscheiden und ist deswegen darauf angewiesen, stets neue abstruse Formulierungen zu erfinden. Sloterdijk versucht schon fast krampfhaft, die Kuh aufs Eis zu führen. Er versucht das Existieren von Ernstfällen (Arbeitslosigkeit, Armut, ...) als irreal hinzustellen, und impliziert die Notwendigkeit der neuen Einführung von Ernstfällen (noch mehr Arbeitslosigkeit, noch mehr Armut, ...).
Damit baut er dem Neoliberalismus eine geistige Rutschbahn in die Hirne seiner Rezipienten. Sloterdijk, Rechtfertiger des Neoliberalismus.
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