Markt frisst Ethik
Der Markt als neuer Gott bestimmt das Denken und Handeln der Menschen. Der deutsche Staat muss einige huntertausend Diabetiker über die Klinge springen lassen, um über die Schiene des Sparens Pharmakonzerne zu einer moderateren Preisgestaltung zu zwingen. Dieser Druck darf nur über den Markt ausgeübt werden. Ein medizinisches Monopol wird gekippt, indem auf den medizinischen Nutzen einfach rigoros verzichtet wird.
Ärzte, die einst dem Hippokratischen Eid verpflichtet waren, beugen sich widerspenstig unter die politisch geplante Klassengesellschaft. Auch sie sind inzwischen unmittelbar dem Markt verpflichtet. Der alte Eid gilt nicht mehr viel.
Die selbst aufgeladenen Gesetze des Marktes sind das heiligste Tabu unserer globalisierten Gesellschaft. Menschliche Werte reduzieren sich unter dem Einfluss der freien Märkte auf nur noch relative Größen, auf zu vernachlässigende Faktoren im großen Marktspiel. Sie sind nur noch Fassade. Der Markt macht aus einer sich ehemals auf gutem Weg befindlichen Zivilisierten eine Welt, in dem ausschließlich die Herrschaft des Stärkeren zählt.
Die Heiligkeit der Marktmächte fordern ein geplantes Opfer. Wie früher die Heiden ihren Gottheiten Menschenopfer darbrachten, werden heute ein paar hunderttausend chronisch Kranke ihrem beschleunigten Ende zugeführt, "um die Konzerne gnädig zu stimmen".
Fatal wirken diese Marktmechanismen in Verbindung mit der kurzwirksamen Einstellung der Politiker. Dass die Eliminierung der Insulinanaloga langfristig massiv die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treiben werden, weil die nicht verhinderten Folgeerkrankungen des Diabetes zwangsläufig irgendwann zu Buche schlagen müssen, wird von den Politikern verdrängt. Sie wollen kurzfristige finanzielle Entlastung, haben aber nicht die Macht (und vor allem nicht den Willen), Preise staatlich zu regulieren. Also verweigern sie den Menschen die medizinischen Segnungen der Wissenschaft, um so ihre kurze politische Karriere möglichst positiv (marktorientiert) erscheinen zu lassen.
Am Beispiel der kurzwirksamen Insulinanaloga wird überdeutlich, auf was für eine Dummheit sich die Welt eingelassen hat. Alle Macht wird den Märkten übergeben. Europäische Instanzen, die parlamentarischen Rang für sich beanspruchen, sorgen professionell und von oben herab dafür, dass Konzernen im Zuge der Verherrlichung der Märkte alle Macht zuwächst.
Deutschland, der besonders eifrige Schüler US-amerikanischer Marktlehrer, blutet volkswirtschaftlich Stück für Stück aus und hat sich wie aus Trotz noch einmal einen Aderlass auferlegt: die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Doch die nimmt sich in ihrer Tragweite geradezu lächerlich aus gegenüber der bewussten Opferung einiger hunderttausend Diabetiker. Sie werden bewusst der ungünstiger wirkenden Medizin unterworfen. Ihr beschleunigtes Siechtum ist ein Faktor, der ins Gesundheitssystem einfließt.
Der wirkliche Verlust kann niemals das verlorene Geld und der verpasste Gewinn sein. Der wirkliche Verlust ist der Verzicht auf unumstößliche menschliche Werte. Die freien Märkte saugen die Gesellschaft aus, die äußere Hülle ist noch da. Innen sind Finsternis und Hohlheit.
Die freien Märkte richten die Gesellschaft von innen heraus zugrunde. Mit dem hinter sich geworfenen Herz verlässt der Mensch den Weg, der als einziger eine menschliche Zukunft für alle ermöglicht. Er begibt sich auf Pfade, die schon einmal von Deutschland Besitz ergriffen haben. Er beginnt, Menschengruppen aus der Gesellschaft auszusortieren, sie an der Teilhabe zu hindern. Er entscheidet dreist und an niedriger Motivation orientiert, wer wie lange zu leben hat.
Erstaunlich ist die Treffsicherheit der Geschichte! In dem Deutschland, in dem Ärzte Kindern Benzin spritzten, um zu testen, wie schnell sie daran sterben, werden Entscheidungen getroffen, die rigoros über die Lebenserwartung von vielen bestimmen. Dieses markthörige Deutschland ist die Auferstehung des alten Deutschland, des satanischen Gebildes von geplantem Tod. In aberwitzigem Gehorsam folgen sie ihrem Führer.
Der heißt heute: der freie Markt.
|