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Zur analytischen Hilflosigkeit des linken Antiimperialismus wie linker Kapitalismuskritik im nahostpolitischen Kontext


Israel ist auch eine parlamentarische Demokratie und eine kapitalistische Marktwirtschaft (mit gleichwohl sehr großem Staatssektor) und insofern Teil der westlichen Welt und der globalen Herrschaft des Kapitalismus, also des modernen Imperialismus (das Imperium schlechthin war ja das vorkapitalistische Römische Reich). Israel ist somit auch zu analysieren unter Zuhilfenahme der Begriffe und Theoreme der bzw. linker Demokratie-, Imperialismus- und Kapitalismustheorie. Israel jedoch auf ein "spätes Beispiel einer imperialistischen Siedlungskolonie" zu reduzieren, ist schlechterdings absurd.52

Und Israel allein als einen Brückenkopf des Weltkapitalismus und speziell der kapitalistischen Weltmacht USA im Nahen Osten zu interpretieren, der nur dazu da ist und am Leben gehalten wird, um den USA und damit dem kapitalistischen Weltsystem den Zugriff auf die Ölressourcen des Nahen und Mittleren Ostens zu ermöglichen, ist politikanalytisch schlechterdings idiotisch.

Schon eine Analyse der westlichen Industriestaaten primär oder gar ausschließlich mittels kapitalismustheoretischer Kategorien und Begriffe (Verwertungsprozess des Kapitals, Profitmaximierung, Konkurrenzdruck, Globalisierung des Finanz- wie Realkapitals etc.) scheitert an der unglaublichen zeithistorischen wie zeitgenössischen Vielfalt kapitalistischer Staaten: die sozialdemokratischen USA unter Roosevelt oder die neoliberale unter Reagan und Bush jr.; Deutschland unter Bismarck, Hitler oder Willy Brandt; Chile unter Pinochet oder Schweden unter Olof Palme – um nur ganz wenige Beispiele jeweils auch kapitalistischer Staaten anzuführen.

Wie sind diese gewaltigen, für Millionen betroffener Opfer etwa der Diktaturen unter Hitler oder Pinochet sogar existenziellen Unterschiede im kapitalistischen Weltsystem bzw. zwischen jeweils auch kapitalistischen Staaten möglich? Es müssen denknotwendig andere Erklärungsfaktoren herangezogen werden, um diese, nochmals: existenziellen Unterschiede erklären zu können.

Linke Kapitalismuskritik und –theorie (so sehr sie in sich stimmig sein mag) verfehlt in erschreckender Weise das Ausmaß, in dem auch moderne westliche kapitalistische Staaten bzw. ihre politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Eliten wie Bevölkerungen insgesamt bzw. in ihrer großen Mehrheit noch von – gerade in ökonomischen und politischen Krisenzeiten immer wieder hervorbrechenden – vormodernen bzw. (kapital-)irrationalen Motiven, Interessen und Bedürfnissen handlungsleitend getrieben werden: Nationalstolz, Patriotismus, Chauvinismus, Religion, Rassismus, Sexismus, Machtgier, Größenwahnsinn, Imponiersucht, Narzissmus, Selbstliebe, Egoismus, Kränkung, Hass, individuelles oder kollektives Unbewusstes etc. pp.

Dem Kapital als eben anonymer Prozess bzw. Sachzwang kann es egal sein und ist es egal, wen es verwertet und ausbeutet. Wenn Frauen für gleiche Arbeit im realen kapitalistischen Produktionsprozess aber ungleich, sprich: geringer entlohnt werden als Männer, ist das nicht zwingendes Ergebnis der Verwertungsgesetze des Kapitals, sondern des Sexismus der konkreten Kapitalisten und der gesamten Gesellschaft, der sie entstammen, um es nur an diesem einen Beispiel zu verdeutlichen. Und wenn die Analyse schon der fortgeschrittenen westlichen kapitalistischen Industrieländer mit ausschließlich kapitalismustheoretischem Instrumentarium hochgradig versagt – wie sehr muss das der Fall sein, wenn die noch hochgradig feudalistisch-autoritär strukturierten islamischen bis islamistischen Länder des Nahen Ostens und der Nahostkonflikt insgesamt primär oder gar ausschließlich mit diesem kapitalismus- bzw. imperialismuskritischen Begriffs- und Theorieinstrumentarium analysiert werden?

Nun, dann kann mancher schon, wie wir gesehen haben, auf die Idee kommen, dass demnächst und spätestens in sechs Jahren die Atombomben auf den Nahen Osten bzw. China nur so hageln werden, um den Zugriff auf das Öl des Nahen Ostens für die kapitalistischen Imperialisten zu sichern ...

Ich habe schon an anderer Stelle näher ausgeführt, dass der Nahostkonflikt mit einem Krieg ums Öl wenig bis nichts zu tun hat. Weil es nun schon geschrieben steht, erlaube ich mir, um Arbeit und Zeit zu sparen, mich kurz selbst zu zitieren:

"Die USA haben über ein Jahrzehnt versucht, Saddam Husseins Regime im Irak durch einen Militär- und Wirtschaftsboykott, also auch und vor allem durch die Boykottierung irakischer Erdölexporte in die Knie zu zwingen. Und sie haben das in den letzten Jahren vor Ausbruch des Irakkriegs 2003 sogar gegen massiv wachsenden Widerstand vieler europäischer Verbündeter getan. Warum sollten die USA urplötzlich einen Krieg führen, um Erdölressourcen habhaft zu werden, deren Kauf und Verwertung sie jahrelang boykottierten? Und wie würden die USA in der Weltgemeinschaft (UNO, NATO etc.) dastehen, wenn sie das Öl Iraks wirklich einfach rauben würden, ohne dafür zu bezahlen? ...

Die USA hätten mit den finanziellen Mitteln, die den direkten (militärischen) und indirekten Kosten des Irakkrieges entsprechen (Wiederaufbau, laufende Stationierungskosten, anziehender Ölpreis aufgrund voraussehbar bleibender politischer und militärischer Spannungen und Konflikte etc.), leicht große Teile der irakischen Ölreserven einfach peu à peu aufkaufen können. Warum taten und tun sie das nicht? Warum müssen die USA die Ölquellen im Nahen Osten und auf dem gesamten Globus militärisch sichern – obwohl die militärische Präsenz der USA in vielen Stationierungsländern Hass und Gewalt lokaler und internationaler Feinde der USA (internationaler Terror) auf sich zieht? Warum muss nicht China die Ölquellen der Welt sichern – oder Japan oder Deutschland (obwohl letzteres auf dem wahnhaften Sprung ist, es zu tun)? Warum haben diese Länder oder Indien oder Brasilien keine Angst, dass ihnen der Ölhahn irgendwann zugedreht wird? Warum erscheinen sie auf dem Weltmarkt einfach ganz unbeschwert als Käufer?

Was also ... würde passieren, wenn die USA SÄMTLICHE ihrer (vermeintlichen) geostrategisch-militärischen Versuche, wichtige Rohstoffe weltweit zu sichern, aufgeben – und ALLE ihre weltweiten Militärstützpunkte auflösen würden? Würden die USA das tun, wäre die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines internationalen Ölboykotts zu werden, etwa so groß wie jene, dass die USA in absehbarer Zukunft von der Schweiz militärisch angegriffen wird. Die OPEC-Länder haben in der Regel große Probleme, sich auch nur auf (höhere) Ölpreise oder (geringere) Fördermengen zu einigen. Die Vorstellung, sie würden sich EINSTIMMIG oder auch nur in ihrer großen Mehrheit für einen längerfristigen Boykott der USA entscheiden – ist WAHNHAFT. Die OPEC-Länder müssten nämlich DIE GANZE WELT jenseits ihres Vertragsgebiets boykottieren – um indirekte Öllieferungen an die USA (etwa über die BRD) zu verhindern. Die Erdöl produzierenden Länder haben JEDES WIRTSCHAFTLICHE INTERESSE, die USA oder welches Industrieland auch immer NIEMALS zu boykottieren. SIE WOLLEN GELD VERDIENEN! ...

WAS also war der Grund (für den Krieg der USA gegen den Irak)? ... Die US-amerikanischen herrschenden Kräfte (in Politik, Ökonomie, Militär und Medien) sind ... von einem American Dream beseelt, der sie gelegentlich gegen manifeste ökonomische Interessen verstoßen lässt. Dieser American Dream beinhaltet eine bestimmte Lebensart und bestimmte Werte: Freiheit, Unabhängigkeit, das Streben nach Größe (Championship, Leadership, Big Money etc.), die Bewältigung von Herausforderungen (Challenges bis weit in den Weltraum), die Selbstwahrnehmung als auserwähltes Volk (God blessed Country) etc. pp. Deren vermeintliche oder reale Bedrohung ist noch immer mit militärischer Drohung oder Gewalt beantwortet worden (Anti-Hitler-Koalition, Anti-UdSSR-Koalition, Korea- und Vietnamkrieg, indirekte Interventionen in Chile oder Kuba etc.). Disneyland, Hollywoodfilme (Western-, Cop-, Science-Fiction-Heros, die für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten – und, zur Not, töten), das Absingen der US-amerikanischen Nationalhymne bei jeder Gelegenheit, obligatorische Schulgebete und George W. Bushs Strategie der Befreiung des Nahen Ostens (und womöglich der ganzen Welt) von diktatorischen Regimes (seine Greater Middle East Initiative) – das alles bildet eine Einheit. Die OFFEN GEÄUSSERTEN Motive dieser Greater Middle East Initiative NICHT als bare Münze zu nehmen, ist ein geradezu tragischer Fehler imperialismuskritischer, also politisch links orientierter Analytiker. Der 11. September 2001 hat die USA ins Herz getroffen wie kein anderes historisches Ereignis – auch nicht Pearl Harbor, zehntausende von Kilometern vom Mutterland entfernt.

Der normativen Kraft des Faktischen (Wachstumsinteressen des militärisch-industriellen Komplexes der USA) steht gegenüber die faktische Kraft der Normen, der Werte, des Glaubens, der Sehnsucht, der Selbstachtung, der Wut, des Zorns, der Verletztheit des Ehrgefühls und verletzter Eitelkeit.

Man mag die Verletzung solcher Gefühle treffend als wahnhaft perzipieren – ihre manifeste Wirkungskraft und Handlungsmacht wird dadurch nur um so stärker."53


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