Wird es den Sozialstaat, wie wir ihn kennen, auch in 30 Jahren noch geben? "Wahrscheinlich nicht", meint Klaus Schroeder. "Der Sozialstaat wird nicht mehr finanzierbar sein."
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Klaus Schroeder ist Politikwissenschaftler, braun gebrannter Professer mit verwegenem Blick. Seine Botschaft an die Menschen:
"In Zukunft wird es nur noch eine Grundsicherung für das Lebensminimum geben."
In dem Bericht kommt hauptsächlich ein sonnengebräunter Politikwissenschaftler zu Wort: Prof. Klaus Schroeder. Und am Ende weiß der Leser, dass sich alle einig sind, dass der Sozialstaat nicht zu halten ist. Er ist zu teuer.
Der Rest des Berichts weist darauf hin, dass alle Bedenken gegen die Abschaffung des Sozialstaates im Grunde nur Wunschdenken sein können.
Alle Welt ist sich einig, besonders die Politikwissenschaftler und ihre entfernteren Verwandten: Mit Arbeit ist kein Geld zu verdienen. Nur durch den effizienten Einsatz von Kapital. - Um diesen Einsatz dann auch in Ruhe machen zu können und um den "Sachzwang der Abschaffung des Sozialstaates" weiter zu fördern und abzusichern, leiten die wissenschaftlichen Halbgötter immer wieder mal eine Nachricht an die Menschen da draußen, dass der Sozialstaat nicht mehr lange existieren kann. Wenn nur regelmäßig diese Nachricht in die Öffentlichkeit tröpfelt, werden die Menschen auch daran glauben und eine der größten Ungerechtigkeiten dieser Welt willig hinnehmen.
Die Politikwissenschaftler haben tausend Gründe dafür, dass Arbeit einen Menschen im Grunde überhaupt nicht mehr ernähren kann. Gevatter Markt - der mit dem Titel "Der Freie" - hat es so gewollt. Dafür können ja die Wirtschaftsforscher und Wirtschaftlenker nichts! Der Markt wollte es so und er wird weiter dafür sorgen, dass Arbeit den Menschen immer weniger einbringt, das Kapital sich aber von ganz allein vermehrt.
Konzernwirtschaft verwirklicht Perpetuum mobile
Während die Reichen ihr Kapital arbeiten lassen und fest daran glauben, dass sich das Geld ganz von allein vermehrt, kneifen sie krampfhaft beide Augen zu, um nicht die Wahrheit sehen zu müssen, dass ihre Gewinnabschöpfung einzig und allein auf Rechnung und auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung geht. Und weit und breit gibt es niemanden, der die Unrechtmäßigkeit dieses überdimensionalen Wettbüros "Börse" wahrnehmen möchte. Auf der ganzen Welt ist die professionelle, börsianische Ausbeutung der arbeitenden Menschen die größte Selbstverständlichkeit schlechthin. Als besonders intelligent und modern gilt der verehrende Glaube an die guten Auswirkungen der Spekulationsbörsen.
Doch schon aus moralischer Sicht kann die Börse nur Geißel der Menschheit sein. Und das Verwunderliche ist, dass der Sozialstaat selbst als Grund für seine eigene Abschaffung herhalten muss. Die Börse, die in jeder Sekunde Unmengen an volkswirtschaftlichem Wert abschöpft und wegführt und in die Taschen einiger Reichen umleitet, diese Börse ist selbstverständlich der größte Segen für die Menschheit und keinesfalls der Grund, dass Armut weltweit immer krassere Formen annimmt und ihr immer schwerer zu entkommen ist.
Die Börse und ihre geldliebenden Handlanger verantworten den Niedergang einer selbsttragenden Wirtschaft. Damit ist natürlich verbunden, dass der Sozialstaat sterben muss. Als Extrawitz leistet sich die Konzernwirtschaft seit eh und je, abgeschobene Arbeitskräfte im großen Stil auf Kosten der Rentenkassen zu entsorgen.
Die stetige und als Schicksal dargestellte Minimierung der Löhne und die ebenso stetige Verteuerung des Lebensunterhalts, die fortwährende Verlagerung wirtschaftlicher Strukturen in Billiglohnländer sind reine markttechnische Strategien der Konzernwirtschaft. Die Vernichtung der Wirtschaft durch Konzerne wird nur dadurch längerfristig verhindert, indem die Gesellschaft in großem Stil draufzahlt. Eine Endstufe der "Kursrakete Börse" ist die Abschaffung des Sozialstaates. Darauf werden die Menschen in regelmäßigen Abständen vorbereitet.
Börse und Konzernwirtschaft können leider nicht auf Menschen Rücksicht nehmen. Das zeigen sie in sehr kurzen Intervallen, immer wenn sie mal eben 10000 Familien in die Arbeitslosigkeit entsenden, um die Aktie attraktiver zu machen. Die logische Folge der Tatsache, dass Konzerne Menschen nur vom Hören-Sagen kennen, ist die Abschaffung des Sozialstaates. Diese Folge ist das unabwendbare Schicksal einer Menschheit, die nicht die Kraft aufbringt, die Konzernwirtschaft für sich in Dienst zu stellen. Der Sozialstaat wird nicht nur bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt, sondern auch noch argumentativ als etwas hingestellt, das schiefgehen musste, das einfach nicht funktionieren kann, das letztlich nur zerstörerisch wirkt.
Den Sozialstaat schaffen die Politiker eigenhänig ab, solange sie daran glauben, dass die Konzernwirtschaft eine mystisch unfassbare, halb göttliche Größe am Markt sei, deren Beherrschung nicht möglich ist. Eine Welt, die die Macht der Konzerne nicht deutlich begrenzt, wird Millimeterchen für Millimeterchen zugrunde gehen. Eine wichtige Etappe dabei ist die Abschaffung des Sozialstaates. Widerstand ist bei diesem Gesellenstück der Konzerne nicht zu leisten, denn die Menschen haben noch nicht begriffen, dass Konzerne konzentriert das Animalische in sich tragen, das der Widerstreiter dessen ist, was nach den gängigen Philsophen mehrerer Jahrhunderte die Selbstbehauptung des Menschen gegenüber der wilden Natur ist.
Während sich die Menschheit über Jahrtausende von den Einflüssen der Umwelt immer weiter unabhängig machen konnte, kehrt sie nun zurück zu den direkt auf sie zerstörerisch wirkenden Einflüssen der Markt-Umwelt. Der freie Markt ersetzt die ehemals freie Natur und konfrontiert die Menschheit mit ähnlich substantiellen Existenzfragen wie die Natur den Steinzeitmenschen. - Unterschied: Die tödliche Willkür der Reichen ist ungleich schwerer zu ertragen als das Rasen der unpersönlichen Natur. Deswegen ist die Börse entpersonalisiert. Der Aktienbesitzer kann sich bedeckt halten und so tun, als trage er keine Verantwortung.
Nach der Beherrschung der Natur muss logisch die Beherrschung des freien Marktes im Sinne der gesamten Menschheit folgen, um den ersten Schritt der Selbstbehauptung der Menschheit nicht zunichte zu machen. Denn mit der Hinnahme konzernwirtschaftlicher Interessenverwirklichung wird nicht nur der Sozialstaat abgeschafft, sondern die Existenz des Menschen in einer einigermaßen noch funktionierenden Natur. Konzerninteressen zerstören mit dezidierter Genauigkeit und Konsequenz so etwas wie die Errungenschaft des Sozialstaats und sie zerstören weltweit die Natur. Damit gewinnen sie nur ein kurzlebiges Paradies für einige Reiche, deren Kinder irgendwann ihre Luxusinseln nicht mehr schützen können werden vor dem natürlichen Echo ihrer Väter.
Für den Preis der Erschaffung einer vorübergehenden kleinen ultrareichen Pardieswelt einiger weniger wird die Zukunft der Menschheit sorglos aufs Spiel gesetzt. Die Abschaffung des Sozialstaats ist dabei nur ein kleiner Meilenstein, dessen Notwendigkeit noch immer in den Hirnen der Menschen als Falschinformation residiert. Politikwissenschaftler mit sonnengebräunter Gesichtshaut reden den Konzerninteressen nach dem Mund und vergessen ihre menschliche Verantwortung.
Der Konzernwirtschaft erscheint die heutige Menschheit als schier unausschöpfliches Terrain. Die Konzernwirtschaft macht sich sorglos an die Ausschlachtung der Ressourcen und verhärtet sich gegen die Menschen. Sie befinden sich in der sicheren Gewissheit, Herren über nie versiegende Ressourcen zu sein.
Menschen kann man immer ausbeuten.
wolle, 13.06.2008