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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Peters Selbstbetrug

Wirtschaftswoche: "Gibt es einen Kern der "Kapialismuskritik", der sich für eine in die Zukunft weisende Diskussion fruchtbar machen ließe?"

Bei den Herren gibt es für Kritik am Kapitalismus keinen Anlass. Sie haben "nachgewiesen", dass Kritik am Kapitalismus nur Ausdruck zipfelmützigen Deutschtums ist. Leicht gemacht wurde ihnen das durch die dummdreiste Taktik des Herrn Müntefering: Ein Politiker setzt wahltaktische Schlagworte und die personifizierte deutsche Kommerz-Philosophie Peter Sloterdijk nutzt diese Situation, um die abstrusen Behauptungen in die Welt zu streuen, Kritik am Kapitalismus sei Blödsinn und die Globalisierung ein Naturgsetz. Doch immerhin lässt Sloterdijk ein "Wahrheitselement der Kritik" zu:

Sloterdijk: "Das Wahrheitselement der Kritik liegt darin, dass zwischen dem enormen Reichtum und seinem (?) sozialen oder klimatischen Derivaten (?) ein Missverständnis besteht. Wir beobachten zu viel blinde Akkumulation und zu wenig intelligente Umverteilung. Da muss nachgebessert werden, weltweit. Wenn man das Thema für künftige große Politik sucht - da ist es. Überdies fehlt bei uns ein Klima der zivilen Großzügigkeit, wie es in den USA existiert. Dort gibt es quasi eine zweite Steuer - eine Seelensteuer, mit der die Reichen Sponsorenaufgaben erfüllen, weit über ihre fiskalischen Bürgerpflichten hinaus. Davon kann Europa viel lernen. Wir sollten ein ziviles Klima schaffen, das Generosität belohnt."

In hochpauschalen Allgemeinplätzen ("zu viel blinde Akkumulation und zu wenig intelligente Umverteilung") konstruiert Peter Sloterdijk aus den natürlichen Innereien der Kapitalismuskritik einen "Wahrheitskern" eben dieser Kapitalismuskritik. Man fragt sich unweigerlich: Was hat er gerade gesagt? Denn die These, dass es tagsüber hell ist und nachts dunkel, ist spannender als Sloterdijks Wahrheitskern-Erkenntnis.

Aber immerhin finden wir eine Wendung in diesem stark abgesprochen erscheinenden Interview zwischen Wirtschaftwoche und dem Profit-Philosphen Peter Sloterdijk, die aufhorchen lässt. Denn immerhin bekommt die Kapitalismuskritik plötzlich doch einen Hauch einer Daseinsberechtigung. - Dies aber nur, um den Anspruch auf "intelligente Umverteilung" in eine Schublade zu stecken, die irgendwo auf der Ebene des Hosentaschen-Billiard rangiert. Seelensteuer Sponsoring.

Peter Sloterdijk umfährt das Problem der notwendigen Umverteilung der Reichtümer mittels großartig klingender Worttaten. Er vergeht sich an der Sprache und überzieht die Begriffe Kapitalismuskritik und Umverteilung der Reichtümer mit schauerlich hochgestochenen, theatralischen Inhalten. Damit suggeriert er bei aller jetzt plötzlich doch vorhandenen Berechtigung der Kapitalismuskritik die Projektion der intelligenten Umverteilung auf die generöse Gnade der Reichen als einzig gangbare Lösung. Als einzig intelligente Lösung.

Dass aber die von Peter Sloterdijk herbeigezogene "Seelensteuer" weltweit nicht das Geringste zur Entschärfung der Armut in der Welt beiträgt, zwickt ihn kein bisschen. Scheinbar möchte er die Arbeitslosen, die Freigesetzten, die Ein-Euro-Jobber rücklinks und mit verbundenen Augen auf das Schwein Sponsoring binden und grinsend dabei zusehen, wie das Schwein vom nächsten LKW überfahren wird.

Peter Sloterdijks Dreistigkeit, die weltweite, schreiende Ungerechtigkeit der Kapitalkonzentration in den Händen einiger Weniger mittels Sponsoring mildern zu wollen, beleuchtet die Intensität Sloterdijkscher Selbstüberschätzung. Er scheint tatsächlich anzunehmen, dass ihm diese witzige These geglaubt wird. Er scheint tatsächlich von sich selbst anzunehmen, so intelligent reden zu können, dass dieser ausgemachte Schwachsinn bei den Menschen als neue Möglichkeit ankommt.

Die Verdorbenheit der Weltpolitik liegt neben den offenen Symptomen der Ungerechtigkeit auch in der Verinnerlichung neoliberaler Selbstheilungstheorie durch die intellektuelle Elite. Peter Sloterdijk ist zumindest in diesem Interview das Paradebeispiel für den wie ein Fisch an der neoliberalen Angel hängenden Theorie-Hans-Wurst, der gezwungen ist, auf verschlungenen Pfaden des Selbstbetrugs wenigstens sich selbst vorzumachen, er hätte noch etwas Wichtiges zu sagen.

... und was ist ein ziviles Klima? Und wie schafft man so etwas, wenn doch der Grund zur Kapitalismuskritik gar nicht besteht, wie Sloterdijk behauptet? Und wie soll Generosität belohnt werden? - Mit Geld?

Vielleicht sollte Peter Sloterdijk, unser meistverkaufter Philosophieschreiber, einmal für - sagen wir - drei Monate in die Familie eines Arbeitslosen gesteckt werden, damit er etwas lernt.

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