Gute Auspuff-dröhn-Bürger
Antiaging per Auspuffdröhnung?
22. Juli 2006, ca. 15:00 Uhr - Penny-Markt Mühlhausen, Parkplatz
Unter heftigem Dröhnen löst sich langsam ein roter, komisch eckiger BMW aus der Reihe der parkenden PKW, der aussieht wie einer von diesen angeblich schönen Renaults. Im Wagen sitzen zwei sympathische ältere Damen. Etwas dick zwar, wie die meisten Reichen hier, aber sympathisch.
Beim Gasgeben macht sich das bekannte, unangenehme Dröhnen breit. Eine moderne Auspuffanlage von BMW! Ich schaue die Fahrerin möglichst böse an, weil man ja nicht offen über diese Dreistigkeit der permanenten Belästigung reden darf. Sie merkt etwas und entfernt sich schnell.
Kurz danach gehe ich zur Tankstelle nebenan, um Tabak zu kaufen, da steht dieser dröhnende Kleinkastenwagen (was für ein Design) und dröhnt im Standgas vor sich hin, dass die ganze Tanke vibriert.
Wieder nutze ich die Gelegenheit und schaue diese Frau eindringlich böse an. Traue mich aber nicht, offen zu sagen, was mir missfällt. Sie eilt an mir vorbei, schaut sich noch einmal um, eilt in ihr Protzgefährt und dröhnt davon.
Diese Leute wissen ganz genau, was sie ihrer Umwelt antun. Sie rechnen aber fest damit, dass sie kein Feedback bekommen. Denn dieses Thema offen zu besprechen, ist tabu. Man traut sich einfach nicht. Ich auch nicht. Meistens.
Die Menschen, die auf diese dreisten Auspuff-Schmutzbuckel scheinbar nicht reagieren, sind nicht gleichgültig. Das dürfen die Auspuff-Angeber nicht annehmen. Macht euch bitte mal klar, dass sie von euch nicht viel halten. Sie dürfen es nur nicht zu erkennen geben. Die ganze Freiheit, die Umwelt mit Dröhnen zu überziehen, habt ihr nicht, keiner hat sie, sondern ihr folgt nur einer Mode, die sozial auf einem Gefüge idiotischer Taburegelungen basiert.
Die typisch deutsche Verhaltensweise, Einkommensverhältnisse nicht offen auszusprechen, um sich das schauspielerische Vorgaukeln offen zu halten, ist ein Bestandteil davon. Man kauft sich auf Kredit ein röhrendes Auto, fährt damit herum und nervt und kann sich dann schön einbilden, dass man etwas vor den anderen gegolten hat.
Und die Bedrückung derer, die an der Straße wohnen, die wird als notwendiges Übel in Kauf genommen. Gleichzeitig zeigt das aber auch wunderbar, dass man grundsätzlich dazu bereit ist, über Leichen zu gehen. Dies ist auch eine Attitüde, die nicht direkt ausgesprochen werden darf, die aber ein wichtiges Kennzeichen des modernen Reichen ist. Denn es liegt auf der Hand: Wer zum Nachbarmord nicht notfalls in der Lage ist, wird seine gesellschaftliche Stellung nicht lange halten können.
So breitet sich die großdeutsche Kultur immer weiter aus. Der Verdrängungskampf wird unbewusst oder halbbewusst betrieben. Man erntet eingebildete Anerkennung und ignoriert das offensichtliche Falsche, das dafür begangen werden muss.
Dass nun auch noch ältere Damen diesem Wahnsinn verfallen, ist insofern beunruhigend, als die Bewusstlosigkeit der Akteure dadurch noch einmal klarer wird. - Der Erfolg der Autohersteller, die den tierischen Konkurrenzkampf-Impuls der Menschen ausnutzen, wird hier bestätigt. Gegenüber den tierischen Regungen des Rückenmarks scheint das Hirn wehrlos zu sein. Das Schwein im Menschen wird im Machtkampf per Auspuffdröhnen immer mächtiger. Damit wird die Gelegenheit, Missentwicklungen in unserer Gesellschaft anzugehen, verschwindend gering, denn die Maßstäbe wandern stetig von der Großhirnrinde weg hinab in Areale, die nur noch dumpfe Signale produzieren.
Die guten Bürgerinnen zementieren mit ihrer Blindheit gegenüber dem, was als grundsätzliche Rücksichtnahme einmal galt, die Verführung der Menschen zur Unmenschlichkeit. Im banalen Alltag werden Rücksichtslosigkeit und unmenschliches Verhalten sukzessive eingeübt und plötzlich schaut niemand mehr hin, wenn an jedem 22. Haus die Deutschlandfahne hängt und in der Nachbarstadt ein paar Schwarze diskriminiert werden. Und wenn die dabei sterben, macht das auch nichts.
Man hat ja seinen eckigen roten BMW. Was braucht man noch mehr?
Deutschfahnen zu Hunderten in Deutschstädten, Judenwitz und neues Deutschbewusstsein. Das scheint das Produkt der Konkurrenzgesellschaft zu sein. Europa produziert ein Klima wie in der Weimarer Republik. Arme werden nicht aufgefangen, Reiche nehmen reichlich Alltagsunterdrückungsmaßnahmen vor, unter denen die Öffentlichkeit zu leiden hat. Das individuelle Starksein hat Vorrang vor Menschlichkeit und Rücksichtnahme. Die Produktion des (all)mächtigen Selbst, das sich über ehemalige Menschlichkeiten hinwegsetzt, ist der Gradmesser für Leistung und Anerkennung.
Sicher sagt der Auspuff-Dröhner und der Judenwitz-Erzähler, dass es sein Gutrecht sei. Die anderen können ja nach Hause gehen. Doch sind die Deutschfahnen und die Machtauspuff-Konkurrenz überall. Sie verfolgen einen überall hin. Genau wie der Judenwitz.
3 Kommentare online
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Auch sie brauchen Toleranz.
Marc, 02.06.2009