Globalisierung und Neoliberalismus füllen den Konzernen die Taschen.

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Eine fiktive Geschichte [24.10.05]
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Steppenwolf
Gast




Beitrag Verfasst am: 24.10.2005, 02:10
Titel: EINE FIKTIVE GESCHICHTE
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Es ist Sonntag abend 18.00 Uhr. Zeitgleich werden durch Sondereinsatzkommandos des BGS in ganz Deutschland alle Personen verhaftet, die mehr als 500 Millionen EURO ihr eigen nennen.
Mit schnellen Limousinen und Transporthubschraubern des BGS werden alle an einen geheimen Ort verbracht. Es ist eine ehemalige Bundeswehr-Kaserne; der Standort wurde vor einem Jahr aufgegeben. Für die Mission wurden Mannschaftsunterkünfte mit Acht-Bett-Zimmern hergerichtet. In der ehemaligen Turnhalle wurden Tische und Stühle in einem großen Rechteck aufgestellt. Jeder Platz am Tisch ist mit einem PC mit Internet-Anschluss ausgerüstet.

Um 22.00 Uhr sind alle Verhafteten in der Turnhalle versammelt. Um 22.15 hat jeder einen Platz an dem großen Rechteck eingenommen. An der Stirnseite ist ein Podium mit einem Mikrofon installiert. Auf dem Podium erscheint ein gut gekleideter Herr und beginnt vor der Zwangsversammlung zu sprechen:
"Meine Damen und Herren, bevor ich Ihnen mein Anliegen vortrage, möchte ich Sie mit Ihrer gegenwärtigen Situation vertraut machen. Sie befinden sich in einer scharf bewachten ehemaligen Bundeswehr-Kaserne. Sie haben keine Möglichkeit, dass Gelände zu verlassen, bis unsere Mission beendet ist. Die Sicherheitskräfte haben Anweisung, ohne Vorwarnung sofort scharf zu schießen, sollte jemand von Ihnen versuchen, das Gelände eigenmächtig zu verlassen. Solange wie unsere Mission dauert, werden Sie in Mannschaftsunterkünften untergebracht. Für Ihre Verpflegung ist gesorgt. Seine haben keine Möglichkeit, nach draußen Kontakt aufzunehmen.
Und nun zu meinem Anliegen: Sie alle wie sie hier sitzen sind in diesem Land, in dieser Gesellschaft nach dem Ende des zweiten Weltkrieges zu unermesslichen Reichtum gelangt. Das alles wurde Ihnen nur möglich durch den Fleiß und die Arbeitskraft der Bevölkerung dieses Landes. Dies ist kein Staatsputsch und es soll auch kein neues Wirtschaftssystem installiert werden. Sie alle werden auch nach Beendigung unserer Maßnahme in der Lage sein, weiterhin Ihre Gattin zum Shopping nach Saint Tropez zu schicken.
Wie Sie alle wissen, befindet sich der Staat in einer präkeren finanziellen Situation und ist nicht mehr in der Lage, seinen sozialen und infrastrukturellen Aufgaben nachzukommen. Nicht zuletzt aufgrund Ihrer Lobby-Arbeit wurde dieser Staat durch unsere Politiker zu einem ohnmächtigen, insolventen Gebilde herunter gewirtschaftet. Das Eigentum des Staates wurde im großen Maßstab verschleudert, um Haushaltslöcher zu stopfen.
Dabei ist genug Geld da, um alle staatlichen und gesellschaftlichen Aufgaben erfüllen zu können. Sie sitzen darauf.
Sie werden morgen, nach einem deftigen Frühstück, hier an dieser Stelle wieder zusammen finden. Sie haben die Aufgabe, aus Ihrem Vermögen 70 Milliarden EURO zusammen zu bringen. Dazu werden sie, gestaffelt nach Ihrem Vermögen, Gruppen bilden. Die Gruppenmitglieder wählen aus ihrer Mitte Gruppensprecher und alle gemeinsam einen Sprecher, der für das Zustandekommen Ihrer Spendensumme verantwortlich ist. Der Sprecher wird gemeinsam mit den Gruppensprechern festlegen, welchen Betrag jede Gruppe zusammen bringen muss. Anschließend beraten die Gruppenmitglieder innerhalb ihrer Gruppe, wieviel jeder einzelne zu dieser Spendenaktion beitragen kann. Die PC vor Ihnen auf dem Tisch haben den einzigen Zweck, ihren ermittelten Spendenbetrag online auf ein Konto zu überweisen, das ich Ihnen noch benennen werde.
Die wesentlichen Dinge sind geklärt, ich komme zum Schluss. Sie werden diese gastliche Stätte nicht eher verlassen, bis der Betrag von 70 Milliarden EURO zustande gekommen ist und dem Staatshaushalt zur Verfügung steht.
Ich empfehle Ihnen, für den Haushalt des übernächsten Jahres rechtzeitig in eigener Regie wieder zusammen zu kommen, um Ihren Obulus vorzubereiten und zur Verfügung zu stellen, damit dieses Szenario nicht noch einmal stattfinden muss.
Ich bitte Sie nun, den Weisungen meiner Mitarbeiter zu folgen und Ihre Unterkünfte aufzusuchen. Das Frühstück wird morgen früh um 6:30 Uhr eingenommen und um 7:30 Uhr werden wir gemeinsam wieder hier zusammen kommen.
Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.
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Rüdiger Hentschel
Administrator


Anmeldungsdatum: 29.10.2004
Beiträge: 647
Wohnort: Mühlhausen
Beitrag Verfasst am: 24.10.2005, 20:51
Titel: Nach den geltenden Normen
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Hallo Steppenwolf,

was für ein Traum! Der Traum von der Macht, Gerechtigkeit herzustellen. Der Traum vom Menschen, der gottgleich herzutritt und sein Wort an diejenigen richtet, die wie zum jüngsten Gericht entrückt in einem besonders für sie eingerichteten Raum sitzen (müssen). Ist das nicht Endzeitklima erster Kajüte? Ist das nicht die Erfüllung von Sehnsüchten? Wer ist der Mann, der solches kann? Der Sohn Gottes? Wir alle?

Deine Geschichte ist genial konzentriert auf das Wesentliche. Sie macht klar, dass sich niemand in dieser Scheißwelt das Geld-, Konzernsystem gefallen lassen muss, wenn er nur Gottes Sohn ist oder mit anderen Menschen gemeinsam etwas macht. Es ist zumindest als Märchen vorstellbar. Und Märchen haben mehr Reales als vieles andere.

Aber nun die Einwände:

Wenn so etwas laufen soll, dann nur weltweit. Das kann niemals auf eine Nation beschränkt sein. Denn dann ist das Ganze ohne Sinn.

Wenn so etwas laufen soll, dann nur auf demokratischer Basis. Indem sich die Menschenmassen miteinander verbinden und absprechen.

Wenn ich bedenke, dass bei solch einer Aktion immer noch außerordentlich viele Ultrareiche nicht nur davonkommen, sondern ihrerseits profitieren würden, dann würde ich die Ausgangssumme sogar noch minimieren wollen.

Grüße,

Rüdiger
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Steppenwolf
Gast




Beitrag Verfasst am: 25.10.2005, 00:02
Titel: Nur eine Fiktion!!!
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Hallo Rüdiger,

Ich freue mich, dass meine Geschichte eine erste Reaktion hervorgerufen hat. Nicht umsonst habe ich sie jedoch als fiktiv bezeichnet, sowie man einen irrealen Film als Sience Fiktion Film bezeichnet. Natürlich ist das, was ich in dieser Geschichte beschrieben habe, in seiner Durchführung nicht wünschenswert und auch nicht realistisch. Ich wollte bewusst provozieren und folgendes damit aussagen.

1. Der Staat darf kein schwacher Staat sein, der sich durch Lobbyismus, Druck und Drohung dem Diktat des Großkapitalismus unterwirft. Der Staat muss ein starker Staat sein, der durch Gesetze die Interessen des Volkes vertritt. Die Verantwortlichen in der Politik sind gegenwärtig dabei, sich in einer geradezu ekelhaften Art und Weise den Verantwortlichen der Wirtschaft anzubiedern.

2. Zur Durchführung seiner Aufgaben muss der Staat finanziell solide ausgestattet sein. Nicht sparen ist die Devise, sondern das Geld dort hereinholen, wo es in Massen vorhanden ist. Dazu muss der Staat alle gesetzlich möglichen Mittel einsetzen.
Dann hat er auch u. a. die Möglichkeit, z. B. angemessen in die Infrastruktur zu investieren und damit den Mittelstand zu stärken. Das schafft die Arbeitsplätze, die das Land so dringend benötigt.

3. Wesentliches Kriterium der Wirtschaft ist der Kreislauf von Leistung und Bezahlung dieser Leistung. Wenn aber dieser Kreislauf permanent angezapft wird und ständig Geldströme in die Taschen derer fließen, die an dieser Leistung nicht beteiligt sind, krankt das System. Es ist wie mit dem Blutkreislauf. Wenn man einen Menschen täglich zur Blutspende heranziehen würde, wäre er nach kurzer Zeit ausgeblutet.

In welchen Kategorien die derzeitige neuoliberale Mischpoke denkt, zeigt sich exemplarisch an dem Satz von Angela Merkel im Fernsehduell mit Gerhard Schröder: ".........dann werden die Leistungsträger ins Ausland abwandern." Wenn ich auch sonst nicht allzuviel von Schröders Politik halte, hat er damals umgehend klargestellt, wer denn die Leistungsträger sind.
Das sind die Menschen, die am Band, in der Backstube, am Zeichentisch oder am OP-Tisch stehen und nicht die, die über den Fluss der Geldströme entscheiden (meine Worte).

Glaub mir Rüdiger, mir geht das Messer in der Tasche auf, wenn ich sehe, wie ein Kozern (Continental) ein gesundes Unternehmen (Phoenix) kassiert, um anschließend die Arbeitnehmer zu feuern. So etwas ist kriminell und gehört bestraft.

Aber ich will es jetzt erst mal dabei bewenden lassen, bevor ich mich in Wut schreibe.

Gruß
Steppenwolf
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Rüdiger Hentschel
Administrator


Anmeldungsdatum: 29.10.2004
Beiträge: 647
Wohnort: Mühlhausen
Beitrag Verfasst am: 25.10.2005, 21:42
Titel: Irgendwann
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Hallo Steppenwolf,

irgendwann muss sich die Schlinge zuziehen. Irgendwann wird sich die Konfrontation zwischen liberalismustrunkenen Nochreichen und dem Rest der Bevölkerung zuspitzen müssen.

Ich für mein Teil hoffe, dass das friedlich und über die moralische Schiene abgeht ... und dass ich es noch erlebe.

Grüße,

Rüdiger
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Pseudonym



Anmeldungsdatum: 06.08.2005
Beiträge: 137
Beitrag Verfasst am: 27.10.2005, 18:49
Titel: Steppenwölfe
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Lieber Steppenwolf,

ich fand Deine fiktive Geschichte sehr einleuchtend, habe aber mit einer Antwort gezögert, weil ich mir Gedanken gemacht habe, was aus der unübersehbaren Realitätsbezogenheit der fiktiven Geschichte nun eigentlich folgt. Hier in Berlin haben wir ja den Fall, wo eine Horde von Geldbesitzern die Möglichkeit hatte, Steuern einzusparen, indem sie sich Imobilienobligationen kaufen konnten und darüber „Verluste“ von der Steuer absetzen konnten, die von Anfang an als Gewinn der Anteilskäufer eingeplant waren. Sie bekamen wesentlich mehr als sie (noch zusätzlich) „absetzen“ konnten. Dann kam der Berliner Bankenskandal, denn das Land Berlin, hatte (zusätzlich zu den Steuereinnahmeverlusten) die ganze Grundstücksspekulation auch noch durch Landesbürgschaften abgesichert. Das Land Berlin finanzierte also erst die Verluste an Steuereinnahmen und hinterher die völlig unrealistischen Gewinnerwartungen der Spekulanten.

Dafür dürfen die einfachen Leute nun höhere Kitagebühren bezahlen und dafür werden auch reihenweise Stellen im öffentlichen Dienst nicht mehr besetzt ... denn „wir“ müssen ja nun sparen ... nur die Spekulanten nicht, die schon die Steuergeschenke eingesackt haben. Keiner kommt auf die Idee, dass die nun eigentlich „sparen“ müssten ... nein, es werden öffentliche Leistungen gestrichen ... in vielfältiger Weise beschlossen ... in den letzten Jahren massenhaft vom PDS/SPD-Senat. Zum Kotzen!

Aber zurück zu der Frage: was folgt nun daraus? Ich verstehe, dass Dir das Messer in der Tasche aufgeht, wenn Du an Continental denkst. Aber ist es eigentlich nicht noch viel schwieriger zu verstehen, warum 80 % der Wähler diese Politiker, die das genau in dieser Form weiter unterstützen, immer weiter wählen. Continental macht ein gutes Geschäft für sich. Das ist noch halbwegs zu verstehen. Aber PDS und SPD verschleudern im großen Stil Volksvermögen ... und werden weiter gewählt! Und im Fall PDS werden sie auch noch vom Bundesvorstand der WASG angebuhlt, ob man mit ihnen (turbo oder nicht) ins gemeinsame Diätenbett steigen könnte. Ist das nicht abartig?

Wie erreichen wir die Bevölkerung? Das sind die Einzigen die wir erreichen können, denn die werden ausgenommen ... die Politiker (auch „unsere“) doch nicht. Wie erreichen wir die Bevölkerung? Das ist die einzig wirklich wichtige Frage, denn sonst wird sich gar nichts ändern ... egal mit welchen Buchstaben sich die Politik schmückt.

Gruß, Martin.
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Rüdiger Hentschel
Administrator


Anmeldungsdatum: 29.10.2004
Beiträge: 647
Wohnort: Mühlhausen
Beitrag Verfasst am: 27.10.2005, 19:53
Titel: Ganz ernsthaft!
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Der nächste große Einschnitt ins Staatssystem steht nun an. Die große Koalition plant, 35 Milliarden einzusparen. Wem kann das Geld weggenommen werden?

Folge: Die Binnennachfrage wird weiter sinken, die Ultrareichen werden ultrareicher, die Stimmung wird sich ändern.

Wenn zu der Zeit der "Erkenntnis", dass es so nicht weitergeht, die Leute wach werden, muss die WASG bereitstehen. Nicht als sozialistische Sekte, sondern als praxisnahe, konstruktive Partei.

Die Frage ist für mich recht spannend, wie lange es die große Kopulation und RTL es schaffen, die Menschen dumm zu halten. Wenn man bedenkt, dass der Heuschreckenwitz von Müntefering von vielen als wirklicher Angriff aufgefasst wurde, wird klar: Es dauert noch.

Grüße,

Rüdiger


Zuletzt bearbeitet von Rüdiger Hentschel am 29.10.2005, 20:51, insgesamt einmal bearbeitet
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Steppenwolf
Gast




Beitrag Verfasst am: 27.10.2005, 23:40
Titel: Hoffnungslos
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Ich glaube nicht, dass die Leute wach werden. Das grundlegende Problem ist, dass die politischen Entscheidungsträger im Mäntelchen der Demokratie daherkommen. Die Deckelung des "kleinen Mannes" geschieht viel subtiler und undurchsichtiger als z. B. in einem totalitären Staat. Nach dem Motto "Wir haben ja ein vom Volk gewähltes Parlament und eine eben von diesem Parlament gewählte Regierung. Die werden schon im Interesse des Volkes handeln." lässt die Mehrheit ziemlich viel mit sich aufstellen.
Wenn ich morgens im Zug sehe, wieviele Leute ihr Politikverständnis aus der Bildzeitung nähren, habe ich die Hoffnung aufgegeben. Die meisten Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, sehen die HARTZ IV-Opfer immer noch als Looser.
Eine große Mehrheit glaubt immer noch, dass die Bande, die sich jetzt unter der großen Koalition zusammenfinden wird, die besten Absichten hat, zum Wohle des ganzen Volkes zu handeln.
Das oben angesprochende Mäntelchen verdeckt nur zu gut die Verkabelung, mit der die Lobbyisten die politische Klasse verdrahtet haben.

Grüße
Steppenwolf
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Pseudonym



Anmeldungsdatum: 06.08.2005
Beiträge: 137
Beitrag Verfasst am: 28.10.2005, 09:52
Titel: mehr Wölfe
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Lieber Steppenwolf,

Du überschreibst Deinen Beitrag mit „Hoffnungslos“. Und Du begründest Deine Hoffnungslosigkeit mit den Schlüssen aus der Beobachtung, dass morgens die Leute ihr Politikverständnis aus der Bildzeitung nähren. Ich denke dass Du Dich da (zumindest teilweise) irrst. Die nähren nicht ihr Politikverständnis. Was hältst Du von der Möglichkeit, dass die mit Hilfe der Bildzeitung ihre eigene Hoffnungslosigkeit besser ertragen können?

Dass die selbst ernannten „Polit-Größen“ völlig mit den Lobbyisten verkabelt sind, sehe ich so wie Du. Ob sie dabei noch „die besten Absichten“ haben oder schon zynisch und eiskalt geworden sind, kann uns eigentlich egal sein. Faktisch wird es in der Riege der Politiker auch alle Zwischestufen geben vom ehrlichen Einzelkämpfer, der allerdings nichts ausrichten kann, bis zum eiskalten Macht-Strategen. Und es ist noch nicht einmal sicher, dass die ehrlichen Einzelkämpfer immer die bessere Politik machen. Sie betreiben jedenfalls zusammen alles mögliche nur nicht das Gemeinwohl. Und sie betreiben, das wissen auch alle Bidzeitungs-Leser mehrheitlich in allererster Linie IHR höchst persönliches Wohl. Da machen sich die Bildzeitungs-Leser mehrheitlich keinerlei Illusionen. Sie gehen davon aus.

Ich vermute, dass die Bildzeitungsleser, was ihre politischen Vorstellungen anbelangt, vergleichbar hoffnungslos sind wie Du. Das hat mit der Bild-Zeitung überhaupt nichts zu tun. Das hat mehr damit zu tun, was sie im Alltag (vor Allem am Arbeitsplatz) täglich erleben. Ihre Meinung ist nicht gefragt und sie haben auf das, was gemacht wird (und was mit ihnen gemacht wird), so gut wie keinen Einfluss. Das ist nicht ihr „Politikverständnis“ sondern ihr tägliches Erleben. Sie können sich entweder anpassen oder gehen. Das ist ihre täglich erlebte Realität. Und sie gehen, in gewisser Weise „zu recht“ davon aus, dass es mehr oder weniger überall auf der Welt nicht anders ist. Sie erleben sich als Einzelgänger und sie sind Einzelgänger.

Bild-Zeitung und Stammtisch vermitteln ihnen zwar noch eine kleine Illusion, dass sie sich mit anderen „einig“ wären, aber sie bestätigen sich dabei gegenseitig nur in ihren Vorurteilen. Das ist die „Aufgabe“ der Bild-Zeitung, dass sie den Lesern ihre Vorurteile bestätigt. Das macht sie relativ geschickt und daraus macht sie für sich noch ein Geschäft (wie RTL II). Aber das Hauptproblem ist doch: warum WOLLEN die Menschen diese Vorurteile? Und worin bestehen (im Kern) diese Vorurteile? Nur, wenn wir diese Frage beantworten können, haben wir eine Chance, die Menschen zu erreichen und etwas zu ändern.

Meine Vermutung ist, dass diese Menschen hinter ihren Bild-Zeitungen nicht weniger hoffnungslos sind wie Du. Meine Vermutung ist, dass sie sich, wie Du, schon gar nicht mehr vorstellen können, dass man sich in größerer Zahl unter einander verständigen kann und (gemeinsam) mehr erreichen kann als allein. Selbst Rüdiger hier im Forum trompetet ja die einsame Litanei, „der Mensch“ sei im Kern allein. Klar, allein kann man nichts erreichen. Da kann man nur hoffnungslos gegen die Oberen schimpfen und sie dann (wiederwillig oder nicht) dennoch wählen ... und sei es nur, indem man nicht wählt, weil es keine Alternative gibt.

Hoffnungslosigkeit ist gleichbedeutend mit Einsamkeit und Einflusslosigkeit. Sie können sich nicht mehr vorstellen, dass man sich wirksam zusammenschließen könnte und (zu mehreren) mehr erreichen könnte, als allein. Das scheint mir der Kern der Geschichte zu sein. Und das scheint mir auch das zentrale Erfolgsrezept der „Macher“ zu sein, die uns so locker über den Hocker ziehen. Sie sind sich so sicher, dass sie uns erfolgreich vereinsamt haben, dass wir gar nicht mehr anders können als hinnehmen, was sie mit uns vorhaben.

Unsere immer weiter fortschreitende Vereinsamung und unsere daraus resultierende Hoffnungslosigkeit sind ein Selbstläufer, der uns immer mehr vereinsamt und immer hoffnungsloser macht. Das ist unser Problem. Du bist nicht der einzige (einsame) Steppenwolf. Sie laufen zu hudertausenden durch die Straßen und sie erkennen sich gegenseitig nicht als ihresgleichen. Sonst täten sie sich zusammen. Und wenn sie sich wirklich zusammen täten, wäre die selbstverständliche und natürlich notwendige Umverteilung von oben nach unten natürlich überhaupt kein Problem mehr.

Das ist die zweite fiktive Geschichte: die Millionen Steppenwölfe täten sich zusammen. Das wäre der absolute Clou. Dann bräuchte man die Kapitalbesitzer auch gar nicht in eine Kaserne sperren. Sie würden ganz freiwillig und ganz ohne allen Widerstand alles hergeben, was das Gemeinwohl braucht ... das haben sie doch gegen Kriegsende und kurz nach dem Krieg auch getan, weil völlig klar war, die Bevölkerung würde es gar nicht anders dulden, hatte es satt, sich von politischen Schreihälsen verscheißern und ausbeuten zu lassen. Die Zahl der einsamen Steppenwölfe und Steppenwölfinnen ist eigentlich unvorstellbar groß. Das ist nicht das Problem. Aber wie finden sie zu einer gemeinsamen Kraft zusammen? Da, und nur da, liegt unsere Hoffnung. Verstehst Du, was ich meine?

Gruß, Martin.
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Beitrag Verfasst am: 28.10.2005, 18:39
Titel:
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Hallo Martin,

deine Argumentation von der Vereinsamung hat schon was für sich. Aber ist das eine Erklärung dafür, dass bei der letzten Wahl nahezu 88 % der Wähler ihre Stimmen den sogenannten etablierten Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne) gegeben haben? Warum haben so wenig Menschen links gewählt, sei es aus Protest oder aus Überzeugung? Dies wäre doch die einfachste Möglichkeit gewesen, völlig anonym und ohne weiteres Engagement seinen Unmut über die bisherige Politik kund zu tun. War es vielleicht die Angst vor dem Unbekannten?
Ich vermute, dass der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Anfang der 90er Jahre dem westlichen Kapitalismus in den Köpfen der Menschen eine vermeintliche Legitimation verschafft hat. Entsprechend verhält sich der Kapitalismus ja auch: Durch den Beweis, dass das der Kommunismus nichts taugt, nimmt sich der neoliberale Kapitalismus das Recht, nun voll auf die Kacke zu hauen. Das es zig Möglichkeiten gibt, ein Wirtschaftssystem zum Wohle aller zu gestalten, das steht über haupt nicht zur Debatte.

Gruß
Helmut
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Anmeldungsdatum: 06.08.2005
Beiträge: 137
Beitrag Verfasst am: 28.10.2005, 21:34
Titel: Wahlen
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Lieber Helmut,

es gibt mit Sicherheit sehr, sehr viele Gründe, warum so viele Wähler die so genannten etablierten Parteien gewählt haben – wozu (zumindest im Osten) mit Sicherheit auch die PDS zu zählen wäre.

Es wäre überhaupt eine mehr als spannende Frage, warum (von wem) welche Parteien gewählt werden. Ich denke, das wissen wir alle nicht wirklich.

Was es dazu aus den Wahlforschungsinstituten gibt, beruht sehr weitgehend auf Spekulation und bleibt sehr oberflächlich. Dass die Wahlkämpfe aber immer ausschließlicher von Werbeagenturen und immer weniger über wirkliche Inhalte geführt werden ... die Plakate und Aussagen ähneln sich ja sehr und wirklich politische Debatten werden ja kaum noch geführt ... sagt mir, dass wir es zumindest bei der Mehrzahl der Wähler (denen, die sich über Bild-Zeitung und RTL „informieren“), dass wir es bei diesen sehr vielen, im Wesentlichen um gefühlsbetonte Sympathiezuweisungen geht wie: „ich finde den Schröder irgendwie sympathischer“ ... oder umgekehrt ..., dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit (fast) nicht um Sachfragen geht. Ich würde vermuten 80 % der Wähler kennen die programmatischen Unterschiede zwischen den Parteien überhaupt nicht, trauen ihnen gefühlsmäßig höchsten mehr oder weniger „Kompetenz“ zu ... als weitgehend emotionale Zuweisung ... wie man sich zwischen VW und Opel entscheidet. Das ist der erste Punkt.

Zweitens: für die Kapitalismus sind unter den Wählern, glaube ich, relativ wenige. Die wenigsten haben außerdem eine klare Vorstellung davon, was Kapitalismus ist. Dass der Ostblock (seine Wirtschaft) „irgendwie“ Schrott war, denken relativ viele. Aber das steht ja auch kaum zur Wahl. So kann die Systemfrage Kapitalismus versus Sozialismus eigentlich auch kaum eine Rolle spielen.

Was ich (zumindest in Berlin) unmittelbar erlebt habe war, dass vor der Wahl ganz ungewöhnlich viele absolut nicht wussten, was sie wählen sollten ... von keiner Partei so überzeugt waren, dass sie sie hätten aktiv unterstützen wollen. Das war (zu meinem Ärger) sogar in meiner eigenen Familie so. „Die Politiker“ haben nahezu alle einen miserablen Ruf und kaum ein Wähler glaubt, dass irgend eine der bestehenden Partei den Willen und die Fähigkeit hätte, unsere Probleme wirklich zu lösen. So gesehen wählen dann am Ende viele mehr aus Pflichtgefühl, weil man die extremen Positionen nicht zu stark werden lassen will. Ein bisschen Angst vor der Zukunft hat man schließlich auch. Und wer glaubt schon daran, dass „die Linken“ irgend etwas wirklich besser machen? Große Sprüche klopfen alle. Das denke nicht ich, aber das denken viele.

Außerdem gehe ich davon aus, dass uns das Zusammengehen von PDS und WASG auch viele Stimmen gekostet hat. Macher Wähler, der definitiv nicht PDS wählen wollte, hatte ja gar nicht die Möglichkeit, als Alternative die WASG zu wählen.

Am spannendsten finde ich die von Dir nicht ausdrücklich gestellte Frage, warum sich für die Möglichkeiten, ein Wirtschaftssystem zum Wohle aller zu schaffen, fast niemand interessiert. Man müsste sich überhaupt erst einmal in größerer Zahl damit beschäftigen ... das stand ja nun definitiv nicht zur Wahl. Und so etwas ließe sich bei den gegenwärtig vorherrschenden Lobbyinteressen nur gegen größte Widerstände durchsetzen. Dazu brauchten wir Menschen, die sich viel entschlossener für ihre Interessen einsetzen. Und das wiederum ließe sich mit durch Werbeagenturen geführte Wahlkämpfe (überhaupt durch Wahlkämpfe, in denen die Bevölkerung nur alle paar Jahre durch ein Kreuzchen an der Politik beteiligt wird) mit Sicherheit nicht organisieren.

Situationen, in denen die Bevölkerung den Eindruck gewinnt, dass es wirklich um ihre Interessen geht und sie auch etwas bewirken können und sollen, solche Situationen müssten erst geschaffen werden. Dann würde es auch wieder mehr aussagen, wer sich dann warum auf welche Seite schlägt.

Gruß, Martin.
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