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Wie global ist die Wirtschaft wirklich?
Ebenso können wir fragen, wie »global« die Wirtschaft denn wirklich ist und inwieweit sie allgemeiner demokratischer Kontrolle unterworfen werden könnte.
Im Hinblick auf Handelsbeziehungen, finanzielle Transaktionen und andere Maßstäbe ist die Wirtschaft nicht globaler als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zudem sind die TNCs stark von öffentlichen Subventionen und heimischen Märkten abhängig, und ihre internationalen Transaktionen, inklusive derer, die unter dem falschen Etikett »Handel« laufen, finden großenteils innerhalb Europas, der USA und Japans statt, wo man keine Angst vor einem Militärputsch oder dergleichen haben muss, weil im Zweifelsfall die Politik der Wirtschaft unter die Arme greift.
Trotz aller Neuerungen ist die Annahme, die Dinge seien »außer Kontrolle« geraten, auch dann nicht glaubhaft, wenn wir an den augenblicklich existierenden Mechanismen festhalten. Aber ist es ein Naturgesetz, dass wir daran festhalten müssen? Nicht, wenn wir die Theorien des klassischen Liberalismus ernst nehmen. Adam Smith’s Loblied auf die Arbeitsteilung ist wohlbekannt, nicht aber seine Verurteilung ihrer inhumanen Auswirkungen, die die Menschen »so
stumpfsinnig und einfältig« machen, »wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann«. Das aber muss »in jeder entwickelten und zivilisierten Gesellschaft« durch Regierungsmaßnahmen verhindert werden, die die zerstörerische Macht der »unsichtbaren Hand« überwinden sollen. Auch seine Überzeugung, von der Regierung getroffene Regelungen »zugunsten der Arbeiter« seien »immer gerecht und billig«, nicht aber jene »zugunsten der Herren«, wird selten zur Kenntnis genommen. Das gilt ebenso für seine Forderung nach gleicher Bewertung der Produkte, dem Herzstück seiner Argumentation für einen freien Markt.
Andere führende Vertreter des klassischen liberalen Kanons gehen noch viel weiter. Wilhelm von Humboldt verurteilte die Lohnarbeit als solche: Wenn der Arbeiter, so schrieb er, unter äußerer Anleitung tätig ist, »können wir bewundern, was er tut, aber wir verachten, was er ist«. »Das Handwerk macht Fortschritte, der Handwerker Rückschritte«, bemerkte Alexis de Tocqueville, ebenfalls eine große Gestalt im liberalen Pantheon. Er stimmte mit Smith und Jefferson darin überein, dass gleiche Bewertung der Produkte ein wichtiges Merkmal einer freien und gerechten Gesellschaft ist, wies aber zugleich auf die Gefahren hin, die von einer »dauernden Ungleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen« ausgehen, und warnte davor, dass die Demokratie am Ende wäre, wenn »die industrielle Aristokratie«, die sich in den Vereinigten Staaten »vor unseren Augen erhebt« - »eine der dauerhaftesten der Erde« - die Schranken jemals überwinden sollte.
Was sie später tat und Tocquevilles schlimmste Alpträume noch übertraf. Ich verweise hier nur nebenbei auf sehr komplizierte und faszinierende Themen, die meiner Meinung nach den Schluss nahelegen, dass die Leitsätze des klassischen Liberalismus ihren natürlichen modernen Ausdruck nicht in der neoliberalen »Religion« finden, sondern in den unabhängigen Organisationen der arbeitenden Menschen und den Ideen und Praktiken der libertär-sozialistischen
Bewegungen, die im 20. Jahrhundert von so großartigen Denkern wie Bertrand Russell und John Dewey formuliert wurden.
Man muss die Doktrinen, die den Diskurs der Intellektuellen beherrschen, mit Vorsicht bewerten und den Argumenten, den Tatsachen sowie den Lehren, die aus Vergangenheit und Gegenwart gezogen werden können, sorgfältige Aufmerksamkeit schenken. Es ist nicht sehr sinnvoll zu fragen, was denn für dieses oder jenes Land »richtig« wäre, als handelte es sich bei Ländern um Individuen mit einheitlichen Interessen und Werten. Und was für die Menschen in den Vereinigten Staaten mit ihren unvergleichlichen Privilegien richtig sein mag, kann durchaus falsch sein für andere, die sehr viel weniger Wahlmöglichkeiten besitzen. Jedoch sagt uns unser Verstand, dass das, was für die Menschen und Völker der Erde richtig ist, sich nur im äußersten Zufall mit den Plänen der »hauptsächlichen Architekten« der Politik deckt. Und es gibt heute ebensowenig Gründe wie in der Vergangenheit, ihnen zu gestatten, die Zukunft nach ihren Interessen zu gestalten.
Anmerkung
1 A. d. Ü.: Vgl. Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. München, 1978, Buch IV, Kap. 7 und 8, sowie Buch V, Kap. l (Tl. 3, Abschn. I); Alexis de Tocqueville, De la Democratie en Amerique (dt.: Über die Demokratie in Amerika; hg. von J.P. Mayer, Stuttgart 1985, S. 258 ff.); Wilhelm v. Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grämen der "Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (Werke Bd. l, Stuttgart 1960, S. 56 ff.). Weitere Literaturangaben in Noam Chomsky, Wirtschaft und Gewalt. Vom Kolonialismus zur neuen Weltordnung. München 1995, S. 409 ff.
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