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US-amerikanische Mission
Religion der freien Marktwirtschaft
Wenden wir uns nun den ehemaligen japanischen Kolonien zu.
Eine grundlegende Studie der US-amerikanischen Mission für Entwicklungshilfe in Taiwan fand heraus, dass US-Berater und chinesische Planungsstrategen die Prinzipien der »angloamerikanischen Ökonomie« außer acht ließen und statt dessen eine »staatszentrierte Strategie« entwickelten, die »auf der aktiven Regierungsbeteiligung an den Wirtschaftsaktivitäten der Insel mittels bewusster Planung und der Kontrolle ihrer Durchführung« beruhte. Unterdessen priesen Washingtoner Regierungsbeamte »Taiwan als Erfolgsgeschichte des privaten Unternehmertums«.
In Südkorea funktioniert der »Staat als Unternehmer« wiederum anders, aber ebenfalls nicht ohne lenkende Hand. Südkoreas Eintritt in die OECD, den Klub der Reichen, wurde vertagt, weil das Land wenig Neigung zeigte, »einer marktorientierten Politik zu folgen«, also etwa »Übernahmen durch ausländische Gesellschaften« und die freie Kapitalbewegung zu gestatten.
Südkorea folgt damit seinem japanischen Lehrmeister, der Kapitalexporte erst 1972 erlaubte, als die inländische Wirtschaft gefestigt war.
Im August 1996 brachte die von der Weltbank herausgegebene Zeitschrift Research Observer einen Artikel von Joseph Stiglitz, dem Vorsitzenden von Clintons Wirtschaftsbeirat. Er zieht dort »Lehren aus dem Wunder von Ostasien«, darunter die Einsicht, dass »die Regierungen die Hauptverantwortung für die Förderung des Wirtschaftswachstums« übernommen haben. Damit wurde die »Religion« der freien Marktwirtschaft verlassen, und an ihre Stelle traten interventionistische Maßnahmen, die den Technologietransfer anheizen sowie im Zusammenhang mit der Planung und Koordination industrieller Entwicklung für relative Gleichheit und ein allgemeines Bildungs- und Gesundheitssystem sorgen sollten.
Der UNO-Bericht zur Entwicklung der Menschheit von 1996 betont die »Lebensnotwendigkeit« der Regierungspolitik für die »Verbreitung von Fähigkeiten und Fertigkeiten und die Befriedigung elementarer sozialer Bedürfnisse« als »Sprungbrett für stabiles Wirtschaftswachstum«.
Was immer man von neoliberalen Ansätzen halten mag, sicher ist, dass sie staatliche Erziehungs- und Gesundheitssysteme aushöhlen, die Ungleichheit befördern und den Arbeitnehmeranteil am Gesamteinkommen schrumpfen lassen. Infolgedessen - darin besteht breite Übereinstimmung - beeinträchtigen sie gerade diejenigen Faktoren, die die Grundlage für ein stabiles Wirtschaftswachstum bilden.
Ein Jahr später, nachdem die Volkswirtschaften der asiatischen Länder eine schwere Finanz- und Marktkrise durchgemacht hatten, wiederholte Stiglitz, jetzt als Chef Ökonom der Weltbank, seine Schlussfolgerungen (Programmatische Rede, Annual World Bank Conference on Development Economics 1997, World Bank 1998, Wider Annual Lectures 2, 1998): »Die jüngste Krise in Ostasien ist keine Widerlegung des dortigen Wirtschaftswunders«, schreibt er.
»Tatsache ist weiterhin, dass keine andere Weltregion so dramatische Einkommenssteigerungen und eine so umfassende Beseitigung der Armut in so kurzer Zeit erlebt hat.« Die »erstaunlichen Erfolge« zeigen sich z. B. daran, dass das Pro-Kopf-Einkommen in Südkorea innerhalb von drei Jahrzehnten um das Zehnfache gestiegen ist; eine Errungenschaft, an der die Regierung alles andere als unbeteiligt war.
Das verstieß zwar gegen den »Konsens von Washington«, stand aber, wie Stiglitz richtig hinzufügt, mit der Wirtschaftsentwicklung in Europa und den USA im Einklang. Die Krise in Asien, so mutmaßt er, »könnte auch dadurch herbeigeführt worden sein, dass die Strategien«, die das Wirtschaftswunder bewirkt hatten, »wie etwa die Regulierung von Finanzmärkten, aufgegeben wurden« - was nicht zuletzt auf westlichen Druck hin geschah.
Andere Experten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Vergleich zwischen Ostasien und Lateinamerika führt zu verblüffenden Einsichten.
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