Schlesinger: Störenfried der Hemisphäre
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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Schlesinger: Störenfried der Hemisphäre


In seinem Brief erklärte Schlesinger nicht, was er mit den Formulierungen »Störenfried der Hemisphäre« und »Beziehungen zur Sowjetunion« meinte, doch lässt sich das anhand von Geheimdokumenten der Kennedy-Ära klären. Als Schlesinger Anfang 1961 dem neuen Präsidenten die Erkenntnisse einer lateinamerikanischen Gesandtschaft darlegte, erläuterte er Kubas bzw. Castros Rolle als »Störenfried« genauer: Problematisch sei, »dass Castros Idee, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, sich ausbreitet«, denn, so fügt er kurz darauf hinzu, »die Verteilung des Grundbesitzes und anderer Formen des Reichtums begünstigt die besitzenden Klassen ... [und] die Armen und Unterprivilegierten fordern jetzt, ermutigt durch das Beispiel der kubanischen Revolution, bessere Lebensbedingungen«. In diesem Zusammenhang erklärte er auch, warum die »Beziehungen zur Sowjetunion« so bedrohlich sind: »Mittlerweile sitzt die Sowjetunion in den Startlöchern, winkt mit beträchtlichen Summen für die Entwicklungshilfe und präsentiert sich als Beispiel für die Möglichkeit, die Modernisierung innerhalb einer Generation zu erreichen.«

Schlesinger empfahl Kennedy auch »ein bisschen hochtrabenden Kitsch« über »die erhabenen Ziele von Kultur und Geist«, womit man »die Öffentlichkeit südlich der Grenze, wo metahistorische Abhandlungen überaus beliebt sind, beeindrucken kann«. Wir kümmern uns derweil um die wirklich wichtigen Dinge. Allerdings kritisierte Schlesinger damals auch den »unheilvollen Einfluss des Internationalen Währungsfonds«, dessen Politik eine frühe Version des »Konsenses von Washington« darstellte (»strukturelle Anpassung«, »Neoliberalismus«).

Aber auch außerhalb der Hemisphäre treten die Kubaner als »Störenfriede« auf und verbreiten gefährliche Ideen bei Menschen, die »jetzt bessere Lebensbedingungen fordern«. Ende Februar 1996 reagierten die Vereinigten Staaten empört auf den Abschuss zweier Flugzeuge einer in Florida ansässigen Anti-Castro-Gruppe. Die Maschinen waren regelmäßig in den kubanischen Luftraum eingedrungen und hatten Flugblätter über Havanna abgeworfen, in denen die Kubaner zum Aufstand aufgerufen wurden (kubanischen Berichten zufolge sollen sie auch an terroristischen Angriffen gegen Kuba beteiligt gewesen sein). Zur gleichen Zeit liefen jedoch noch andere Nachrichten über den Ticker. AP berichtete, dass kubanische Ärzte in Südafrika von einer »jubelnden und singenden Menge begrüßt wurden«. Sie waren von der Regierung Mandela eingeladen worden, »um die medizinische Versorgung in armen ländlichen Gebieten zu verbessern«; »auf Kuba sind 57000 Ärzte für 11 Millionen Einwohner zuständig, in Südafrika 25000 Ärzte für 40 Millionen Einwohner.« Unter den 101 kubanischen Ärzten befanden sich hochrangige Spezialisten, die als Südafrikaner »wahrscheinlich in Kapstadt oder Johannesburg« arbeiten und dort das Doppelte von dem verdienen würden, was sie für ihren Einsatz auf dem Lande bekommen.

»1963 hatte Kuba damit begonnen, Ärzte ins Ausland zu entsenden, zuerst nach Algerien. Seitdem sind 51820 Ärzte, Dentisten und Krankenschwestern zu den ärmsten Völkern der Dritten Welt entsandt worden«, wo sie in den meisten Fällen »völlig kostenfrei« medizinische Hilfe leisten. Kurz nach ihrem Einsatz in Südafrika wurden die kubanischen Mediziner nach Haiti eingeladen, um einen Ausbruch von Hirnhautentzündung zu untersuchen.

1988 berichtete Die Zeit, dass Kuba in der Dritten Welt aufgrund der vielen im »internationalen Einsatz befindlichen« Lehrer, Bauarbeiter und Ärzte als »internationale Supermacht« anerkannt wird. 1985 arbeiteten 16000 Kubaner in Entwicklungsländern, mehr als doppelt so viel wie die Gesamtzahl US-amerikanischer Entwicklungshelfer und Mitglieder des Friedenskorps. 1988 hatte Kuba »mehr Ärzte im Auslandsdienst als irgendeine Industrienation und mehr als die Weltgesundheitsorganisation«. Kubas »internationale Emissäre ... leben unter Bedingungen, die kaum ein Entwicklungshelfer akzeptieren würde, und genau darauf beruht ihr Erfolg«.

Für die Kubaner ist dieser »internationale Einsatz« ein »Zeichen politischer Reife« und wird in den Schulen »als höchste Tugend« vermittelt. Der herzliche Empfang in Südafrika, bei dem die Menge »Lang lebe Kuba!« sang, spricht für sich.

Im übrigen könnten wir fragen, wie die Vereinigten Staaten wohl auf libysche Flugzeuge reagieren würden, die, nach jahrelangen Angriffen auf US-amerikanische Ziele im In- und Ausland, über New York und Washington Flugblätter abwerfen, in denen die Amerikaner zum Aufstand aufgerufen werden? Vielleicht mit Blumenkränzen? Einen Hinweis erhalten wir von Barrie Dunsmore, der zur Nachrichtengesellschaft ABC gehört und Walter Porges, den ehemaligen Vizepräsidenten der Nachrichtenabteilung von ABC, zitiert: Als ein ABC-Nachrichtenteam über dem Mittelmeer von einem Zivilflugzeug aus die Sechste Flotte fotografieren wollte, »wurde es aufgefordert, sich unverzüglich zu entfernen, weil das Flugzeug sonst abgeschossen würde«, was »im Hinblick auf die im Internationalen Recht festgelegten Bestimmungen über militärische Lufthoheit legal gewesen wäre«. Anders verhält es sich natürlich, wenn ein kleines Land von einer Supermacht angegriffen wird.

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Letzte Aktualisierung am 20.03.2005

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