Kluft zwischen reichster und ärmster Weltbevölkerung
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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Kluft zwischen reichster
und ärmster Weltbevölkerung


Der 1996 veröffentlichte Global Report der UN-Organisation für industrielle Entwicklung schätzt, dass die Kluft zwischen den reichsten und ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung zwischen 1960 und 1989 um über 50 Prozent gewachsen ist, während der »Globalisierungsprozess diese Ungleichheit noch verschärfen wird«. Dasselbe gilt für die reichen Gesellschaften, allen voran die Vereinigten Staaten und kurz dahinter Großbritannien. Die Wirtschaftspresse bejubelt »spektakuläre« Gewinnmargen und zollt der außerordentlichen Konzentration von Reichtum in den Händen einer winzig kleinen Oberschicht Beifall, während die Lebensbedingungen für die Bevölkerungsmehrheit sich keineswegs verbessern.

Die konzertierten Medien, die Regierung Clinton und all die anderen Lobsänger des American Way präsentieren sich stolz als Modell für die übrige Welt. Ihr Lobgesang übertönt die Resultate einer katastrophalen Sozialpolitik; so enthüllen die von der UNICEF 1997 veröffentlichten »sozialen Basisindikatoren«, dass die Vereinigten Staaten zum Beispiel im Hinblick auf die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren von allen Industrienationen am schlechtesten abschneiden und neben Kuba rangieren - einem verarmten Land, das seit vierzig Jahren den Angriffen der nachbarlichen Supermacht ausgeliefert ist. Auch andere Basisindikatoren wie Hunger und Kinderarmut lassen die USA in einem höchst ungünstigen Licht erscheinen.

All dies vollzieht sich im reichsten Land der Welt mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten und stabilen demokratischen Institutionen, in dem jedoch die Geschäftswelt wie nirgendwo anders das Sagen hat. Das sind weitere Vorzeichen für den weltweiten »dramatischen Übergang von einem pluralistischen und partizipatorischen Ideal der Politik zu einem autoritären und technokratischen Ideal«.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit werden die wahren Absichten kundgetan. So wies unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs George Kennan, der nicht nur einer der einflussreichsten Strategen war, sondern noch dazu im Ruf stand, ein Humanist zu sein, jedem Teil der Welt seine »Funktion« zu: Afrika sollte von Europa für dessen Wiederaufbau, an dem die Vereinigten Staaten kein großes Interesse hatten, »ausgebeutet« werden. Ein Jahr zuvor hatte eine hochrangige Planungsstudie den Vorschlag unterbreitet, dass »die kooperative Entwicklung der billigen Nahrungsmittel und Rohmaterialien Nordafrikas die europäische Einheit fördern und eine wirtschaftliche Grundlage für den Wiederaufbau des Kontinents schaffen könnte« - ein interessanter Begriff von »Kooperation«. Der Vorschlag, Afrika könne den Westen »ausbeuten«, um sich von den »globalen Weltverbesserungsversuchen« der letzten Jahrhunderte zu erholen, scheint nicht erörtert worden zu sein.

In diesem Überblick habe ich den Versuch unternommen, einem nachvollziehbaren methodologischen Prinzip zu folgen: Ich wollte die so hoch gepriesenen »politischen und ökonomischen Prinzipien« der vorherrschenden Weltmacht überprüfen, indem ich mich an die von den Vertretern dieser Prinzipien selbst gewählten Paradebeispiele hielt. Der Überblick ist kurz und unvollständig und beschäftigt sich mit Vorgängen, die undurchsichtig sind und nicht ohne weiteres verstanden werden können. Ich denke, dass die Auswahl fair ist und ein ernüchterndes Bild dieser Leitmotive und der darauf beruhenden zukünftigen Entwicklung zeichnet, die einzig und allein durch widerständiges Handeln verändert werden kann.

Insofern führt dies Bild, selbst wenn es richtig sein sollte, in die Irre, gerade weil es so unvollständig ist. Denn in ihm fehlen die Errungenschaften all derer, die nicht nur den proklamierten Leitmotiven, sondern weit darüber hinausreichenden Grundsätzen von Freiheit und Gerechtigkeit verpflichtet sind. Dabei handelt es sich in erster Linie um den von unten geführten Kampf gegen Formen der Unterdrückung und Herrschaft, die bisweilen allzu offensichtlich, oftmals aber so verdeckt sind, dass sie selbst für ihre Opfer unsichtbar bleiben. Die Erfolge, die bisher in diesem Kampf errungen wurden, sind durchaus ermutigend, und wir haben allen Grund zu der Annahme, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Dazu bedarf es einer realistischen Einschätzung der konkreten Umstände und Bedingungen und ihres historischen Ursprungs, aber das ist natürlich nur der Anfang.

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Letzte Aktualisierung am 20.03.2005

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