Experimente in der Wirtschaftsentwicklung
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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Experimente in der Wirtschaftsentwicklung


Viertens sind sich im nachhinein alle darüber einig, dass die jeweilige wirtschaftliche Entwicklungspolitik »dem angestrebten Ziel nicht dienlich war« und auf »schlechten Ideen« beruhte.

Fünftens und letztens wird »gewöhnlich behauptet, dass schlechte Ideen so viel Erfolg haben, weil sie im Interesse mächtiger Gruppierungen liegen. So etwas geschieht ohne Zweifel«, bemerkt Krugman.

Dass so etwas geschieht, ist spätestens seit Adam Smith hinlänglich bekannt. Und es geschieht selbst in den reichen Ländern mit beeindruckender Regelmäßigkeit, wenngleich die Dritte Welt am schlimmsten betroffen ist.

Genau das ist der zentrale Punkt. Die »schlechten Ideen« dienen vielleicht nicht den »angestrebten Zielen«, aber sie erweisen sich gewöhnlich als sehr gute Ideen für diejenigen, die sie entwickelt haben. In der neueren Zeit hat es viele Experimente in der Wirtschaftsentwicklung gegeben, und die dabei auftretenden Gesetzmäßigkeiten sind schwer zu übersehen. Eine besteht darin, dass es den Planern dabei recht gut geht, während die dem Experiment unterworfenen Subjekte zumeist Prügel beziehen.

Das erste Großexperiment wurde vor 200 Jahren durchgeführt, als die britischen Regierungsvertreter in Indien die »dauerhafte Besiedlung« (Permanent Settlement) einführten, die wundersame Dinge zustande brachte. Die Resultate wurden 40 Jahre später von einer offiziellen Kommission begutachtet.

Sie kam zu dem Schluss, dass »die mit großer Sorgfalt und Entschiedenheit durchgeführte Besiedlung [unglücklicherweise] ... fast die gesamten niederen Klassen in schmerzhafteste Bedrängnis gebracht« und eine »Armut« hinterlassen hat, für die es »in der Geschichte des Handels kaum eine Parallele gibt« angesichts »der Knochen der Baumwollspinner, die die Ebenen Indiens weiß färben«, wie der Direktor der Ostindischen Handelskompagnie hinzufügte.

Doch kann das Experiment kaum als Fehlschlag verbucht werden. Der britische Generalgouverneur bemerkte, dass die Besiedlung, »obwohl sie in vielfacher Hinsicht und in den wesentlichsten Umständen gescheitert ist, zumindest den großen Vorteil besaß, eine starke Gruppe von reichen Grundbesitzern hervorzubringen, die am weiteren Bestehen des britischen Dominions äußerst interessiert sind und die die Masse der Bevölkerung fest im Griff haben«.

Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass britische Investoren enorme Reichtümer anhäuften. Überdies finanzierte Indien 40 Prozent des britischen Handelsdefizits, während es zugleich einen geschützten Markt für britische Manufakturexporte darstellte und die britischen Besitzungen mit Lohnarbeitern versorgte, die die Verwendung von Sklaven überflüssig machten. Außerdem wurde dort das Opium produziert, das den Hauptgegenstand der britischen Exporte nach China bildete.

Das Opium wurde China durch Gewalt aufgezwungen, ebenso wurden die geheiligten Prinzipien des Marktes übersehen, als die Opiumeinfuhr nach England verboten wurde.

Kurz gesagt, erwies sich das erste große Experiment als »schlechte Idee« für die Unterworfenen, nicht aber für die Planer und die mit ihnen verbündeten lokalen Oberschichten. Dieses Muster - Profit Over People - lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen, wobei die Beharrlichkeit, mit der es auftritt, nicht weniger eindrucksvoll ist als die Rhetorik, mit der der jeweils jüngste »Ausbund an Demokratie und Kapitalismus« als »Wirtschaftswunder« gefeiert wird - und das, was die Rhetorik gewöhnlicherweise verschweigt.

Nehmen wir Brasilien. In seiner (von mir bereits erwähnten) hochgelobten Geschichte der »Amerikanisierung Brasiliens« schreibt Gerald Haines, dass die Vereinigten Staaten Brasilien seit 1945 als »Testareal für moderne wissenschaftliche Methoden industrieller Entwicklung« benutzten.

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Letzte Aktualisierung am 20.03.2005

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