 |
Enormer Anstieg der Ölpreise
Die Auswirkungen wurden noch verstärkt durch den enormen Anstieg der Ölpreise und die Revolution auf dem Telekommunikationssektor.
Beides ist mit dem riesigen staatlichen Sektor der US-Wirtschaft verbunden; ich werde noch auf dieses Thema zurückkommen. Die sogenannten »kommunistischen« Staaten standen außerhalb dieses Weltsystems. Während der siebziger Jahre wurde China reintegriert. Die Stagnation der sowjetischen Wirtschaft setzte in den sechziger Jahren ein, und das ganze verrottete Gebäude brach 20 Jahre später zusammen.
Im großen und ganzen kehrt diese Region zu ihrem ehemaligen Status zurück. Sektoren, die einmal zum Westen gehörten, schließen sich ihm wieder an, während der größte Teil, vorwiegend unter der Herrschaft ehemaliger kommunistischer Bürokraten und anderer lokaler Kräfte, die sich mit ausländischen Unternehmen verbündet haben, unter Mitwirkung krimineller Vereinigungen, wieder seine traditionelle Dienstleistungsrolle einnimmt.
Das Muster wie auch seine Resultate sind aus der Dritten Welt geläufig. Eine Untersuchung der UNICEF kam zu dem Ergebnis,dass die von ihr selbst geförderten neoliberalen »Reformen« in Russland allein 1993 eine halbe Million zusätzlicher Todesfälle verursacht hätten.
Schätzungen des russischen Sozialministers zufolge leben 25 Prozent der Bevölkerung unter dem Existenzminimum, während die neuen Oligarchen enorme Reichtümer angehäuft haben. Auch dieses Muster kennen wir aus den vom Westen abhängigen Regionen.
Vertraut sind auch die Folgeerscheinungen weit verbreiteter Gewaltanwendung, die »den Wohlstand des kapitalistischen Weltsystems« sichern soll. Eine Konferenz der Jesuiten in San Salvador kam zu dem Ergebnis, dass »die Kultur des Terrors« mit der Zeit »die Erwartungen der Mehrheit in die Schranken weist«. Die Menschen denken dann nicht einmal mehr an »Alternativen zu den Vorstellungen der Mächtigen«, die das Ergebnis als großen Sieg für Freiheit und Demokratie bezeichnen.
Dies sind einige Umrisse der globalen Weltordnung, innerhalb derer der »Konsens von Washington« geschmiedet wurde. Der Neoliberalismus - eine neue Lehre?
Schauen wir nun, wie neu der Neoliberalismus eigentlich ist. Eine gute Gelegenheit für den Einstieg bietet das Jahrbuch des Londoner Royal Institute of International Affairs, das Übersichtsartikel zu den wichtigsten Themen enthält. Einer davon beschäftigt sich mit Problemen der Wirtschaftsentwicklung.
Der Autor, Paul Krugman, ist eine Kapazität auf diesem Gebiet. Er listet fünf wesentliche Punkte auf, die in direkter Beziehung zu unserer Frage stehen. Erstens ist, so Krugman, das Wissen über wirtschaftliche Entwicklung äußerst begrenzt. So bleiben etwa für die Vereinigten Staaten die Ursachen für zwei Drittel der Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens unerklärt. Ebensowenig steht der Erfolg der asiatischen Länder in Übereinstimmung mit dem, »was die geläufige Lehrmeinung als den Schlüssel zum Wachstum ansieht«, meint Krugman. Er empfiehlt »Bescheidenheit« bei politischen Entscheidungsprozessen und warnt vor »undifferenzierten Verallgemeinerungen«.
Zweitens vertritt er die Auffassung, dass fortwährend aus nicht ausreichenden Prämissen Schlüsse gezogen werden, die dann der Politik doktrinäre Rückendeckung gewähren. Hierzu gehört auch der »Konsens von Washington«.
Drittens hält er die »konventionellen Weisheiten« für instabil. Fortwährend verlagern sie ihr Schwergewicht, schlagen manchmal ins Gegenteil der vorangegangenen Phase um, während ihre Lobredner jedesmal voller Selbstvertrauen die neue Lehrmeinung verkünden.
|
|

|
|