Robert W. McChesney: Das ist neoliberale Demokratie in nuce
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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Aufsatz Chomsky
Einleitung von Robert W. McChesney


Das ist neoliberale Demokratie in nuce: Ein paar Parteien, die, ungeachtet formeller Unterschiede und Wahlkampfgeschrei, die gleiche prokapitalistische Wirtschaftspolitik betreiben, führen triviale Diskussionen über Nebensachen. Demokratie ist zulässig, solange die Wirtschaft von demokratischen Entscheidungsprozessen verschont bleibt, d.h., solange die Demokratie keine ist.

Daher hat das neoliberale System ein wichtiges und notwendiges Nebenprodukt - ein entpolitisiertes, von Apathie und Zynismus befallenes Staatsbürgertum. Wenn die parlamentarische Demokratie so wenig in das gesellschaftliche Leben hineinwirkt, ist es offenbar sinnlos, ihr große Aufmerksamkeit zu widmen; in den USA, dem Nährboden neoliberaler Demokratie, fiel die Beteiligung an den Kongresswahlen von 1998 auf ein Rekordtief: Nur ein Drittel der Wahlberechtigten fand sich an den Urnen ein.

Obwohl eine Partei wie die der Demokraten, die auch aus den Unter- und Mittelschichten Stimmen erhält, sich über das Wahlverhalten hin und wieder besorgt äußert, wird eine geringe Wahlbeteiligung von den etablierten Mächten unterstützt und gutgeheißen, weil, was kaum verwundert, der Anteil der Nichtwähler in den armen und arbeitenden Schichten besonders hoch ist.

Politische Initiativen, die das Interesse der Wähler steigern und die Wahlbeteiligung erhöhen könnten, werden erstickt, bevor sie überhaupt das Licht der Öffentlichkeit erblicken. So haben in den Vereinigten Staaten die beiden großen, von der Wirtschaftslobby beherrschten Parteien der Demokraten und Republikaner mit Unterstützung der Wirtschaftsverbände eine Reform von Gesetzen verweigert, die die Gründung und wirksame Arbeit neuer Parteien (mit vielleicht antikapitalistischer Ausrichtung) möglich machen sollten.

Obwohl wiederholt auf die spürbare Unzufriedenheit mit den beiden Parteien hingewiesen wurde, ist die Wahlpolitik ein Bereich, in dem Wettbewerb und freie Auswahl keine große Bedeutung haben. Gerade hier steht die vom Neoliberalismus beeinflusste Politik dem kommunistischen Einparteienstaat näher als einer echten Demokratie. Doch das verdeutlicht noch nicht hinreichend, wie schädlich sich der Neoliberalismus auf eine bürgerorientierte politische Kultur auswirkt. Zum einen untergräbt die von ihm hervorgerufene soziale Ungleichheit jeden Versuch, für eine Rechtsgleichheit zu sorgen, die der Demokratie Glaubwürdigkeit verleiht.

Großkonzerne besitzen die nötigen Mittel, um die Medien zu beeinflussen und die politische Willensbildung nach ihren Vorstellungen zu gestalten, und sie machen davon Gebrauch. Bei Wahlen zum Beispiel stammen 80 Prozent der individuellen Spendengelder von dem reichsten Viertel eines Prozents der Amerikaner, und die Konzerne zahlen gegenüber den Gewerkschaften das Zehnfache. Neoliberalistisch betrachtet ist das sinnvoll, denn indem Spenden wie Investitionen behandelt werden, spiegeln auch die Wahlen Marktprinzipien wider. Zudem werden die Wahlen damit für die meisten Bürger bedeutungslos, und die Vorherrschaft der Konzerne bleibt ungebrochen.

Andererseits benötigt die Demokratie ein die Bürger verbindendes Gemeinschaftsgefühl, das seinen Ausdruck in einer Vielzahl nichtkommerzieller Organisationen und Institutionen findet. Eine lebendige politische Kultur braucht Bibliotheken, öffentliche Schulen, Nachbarschaftsinitiativen, Kooperativen, Versammlungsorte, Freiwilligenverbände und Gewerkschaften, damit die Menschen sich treffen und ihre Probleme bereden können. Die neoliberale Demokratie, die den Markt über alles stellt, lässt diesen Bereich links liegen. Sie bringt keine Bürger, sondern Konsumenten hervor, keine Gemeinschaften, sondern Einkaufszentren. So entsteht schließlich eine atomisierte Gesellschaft gleichgültiger Individuen, die sich demoralisiert und ohnmächtig fühlen.

Demzufolge ist der Neoliberalismus - nicht nur in den USA, sondern weltweit - der erste und unmittelbare Feind wirklicher Demokratie, und daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern.

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Letzte Aktualisierung am 20.03.2005

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