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III Die Leidenschaft für freie Märkte
amerikanische Werte
»Mehr als ein halbes Jahrhundert lang haben die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen zu ihrem Hauptforum gemacht, um eine Welt nach ihrem Bild zu schaffen. Sie haben mit ihren Verbündeten laviert und taktiert, um globale Abkommen über Menschenrechte, Atomwaffentests oder die Umwelt auszuhandeln, in denen sich US-amerikanische Wertvorstellungen niederschlagen sollten.« So beginnt David Sanger, politischer Kommentator der New York Times, einen Bericht auf der Titelseite.
Aber die Zeiten ändern sich. Heute lautet die Schlagzeile: »Die USA exportieren die Werte des freien Marktes über globale Handelsabkommen.« Um »amerikanische Werte zu exportieren«, verlässt sich die Regierung Clinton nicht mehr so sehr auf die UNO, sondern wendet sich der Welthandelsorganisation (WHO) zu. Am Ende, so fährt Sanger fort (und zitiert einen Vertreter des US-Außenhandels), ist die WHO vielleicht das geeignetste Instrument, um Amerikas »Leidenschaft für die Deregulierung« und den freien Markt im allgemeinen wie auch die »amerikanischen Werte freier Konkurrenz, fairer Regeln und effektiver Durchsetzung« einer noch im Dunkeln tastenden Welt nahezubringen. Diese »amerikanischen Werte« werden am eindringlichsten durch den Boom neuer Medien und Technologien illustriert: Telekommunikation, Internet, Computer und die anderen Wunder, die der amerikanische Unternehmergeist hervorbringen konnte, weil er, vom Markt und der Reagan-Revolution beflügelt, endlich von den Einmischungsversuchen der Regierung befreit wurde.
Heute »begrüßen Regierungen in der ganzen Welt das Evangelium des freien Marktes, das in den achtziger Jahren von Präsident Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gepredigt wurde«, berichtet Youssef Ibrahim, ebenfalls auf einer Titelseite der New York Times. Er schlägt damit ein gängiges Thema an. Ein breites Spektrum von Enthusiasten bis zu Kritikern - und wir berücksichtigen hier nur den liberalen bis linken Teil - ist sich einig über den »unwiderstehlichen Sog der >Marktrevolution<«: Der »rauhe Individualismus a la Reagan« hat die Spielregeln weltweit verändert, während in den Vereinigten Staaten »Republikaner und Demokraten in ihrer Hingabe an die neue Lehre gleichermaßen bereit sind, den Markt auf Hochtouren zu bringen«.
Dies Bild weist einige Schönheitsfehler auf, zu denen auch die anfangs zitierte Einschätzung David Sangers gehört. Selbst die entschiedensten Anhänger der »amerikanischen Mission« müssen erkannt haben, dass das Verhältnis zwischen den USA und der UNO sich mit der fortschreitenden Entkolonialisierung rapide verschlechterte, weil die Vereinten Nationen sich nun nicht mehr als US-amerikanisches Forum instrumentalisieren ließen. In der Folge
opponierten die USA zumeist allein gegen globale Abkommen der unterschiedlichsten Art und widmeten sich hingebungsvoll der Aufgabe, zentrale Bestandteile der Organisation zu untergraben, wobei ihnen vor allem die Ausrichtung auf die Dritte Welt ein Dorn im Auge war. Vieles mag umstritten sein, dieses jedoch nicht.
Wenden wir uns dem »rauhen Individualismus a la Reagan« und seiner Anbetung des Marktes zu. Hier reicht es vielleicht, einen Artikel aus Foreign Affairs zu zitieren, in dem ein hochrangiges Mitglied des Rats für Auslandsbeziehungen (Council on Foreign Relations), das dort für internationale Finanzen zuständig ist, auf die Reagan-Jahre zurückblickt. Er verweist auf die »Ironie« der Tatsache, dass unter Ronald Reagan, »dem Nachkriegspräsidenten mit der leidenschaftlichsten Liebe zum Laissez-faire, der größte Umschwung zugunsten des Protektionismus stattfand, den es seit den dreißiger Jahren gegeben hat«. Aber das ist keine »Ironie«, sondern gerade die »leidenschaftliche Liebe zum Laissez-faire«: Marktdisziplin für dich, aber nicht für mich, es sei denn, auf dem »Spielfeld« gelten meine Regeln, was sich zumeist durch umfassende staatliche
Interventionen erreichen lässt. Wohl kaum ein anderes Thema hat die Wirtschaftsgeschichte der letzten dreihundert Jahre so beherrscht.
Die Reagan-Anhänger folgten lediglich einem bereits ausgetretenen Pfad, als sie das Hohelied des Marktes sangen und den Armen im Inland wie im Ausland die zu Kraftlosigkeit führende Kultur der Abhängigkeit unter die Nase rieben, während sie sich vor der Geschäftswelt damit brüsteten, dass Reagan »die US-amerikanische Industrie stärker vor Importen geschützt habe als jeder seiner Vorgänger in den letzten fünfzig Jahren« -
vielmehr: als alle Vorgänger zusammengenommen. Der zum Sekretariat des GATT (General Agreement on Tariffs and Trade; Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) gehörende Wirtschaftswissenschaftler Patrick Low hat den »fortwährenden Angriff auf das Freihandelsprinzip« durch die Reichen und Mächtigen seit Beginn der siebziger Jahre untersucht. Er hält die restriktiven Auswirkungen der unter Reagan beschlossenen Maßnahmen für dreimal so hoch wie die anderer führender Industrienationen.
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