Die Planer und ihre Kollaboteure
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Genickbruch der Wachtturmtheologie

Die Planer und ihre Kollaboteure


Kehren wir zur Frage zurück, welche Länder sich entwickelt haben und warum. Eine Schlussfolgerung drängt sich auf: Wenn ein Land keine »Experimente« mitmachen musste, die auf jenen »schlechten Ideen« beruhten, welche sich für die Planer und ihre Kollaborateure als »gute Ideen« erwiesen, hatte es bessere Chancen, sich zu entwickeln. Das ist keine Garantie für den Erfolg, aber offensichtlich eine notwendige Vorbedingung.

Nun zur zweiten Frage: Wie haben Europa und diejenigen Länder, die sich seiner Kontrolle entziehen konnten, die erfolgreiche Entwicklung bewerkstelligt? Ein Teil der Antwort scheint wiederum auf der Hand zu liegen: durch die radikale Verletzung der anerkannten Doktrin des freien Marktes. Das gilt vom England des 18. Jahrhunderts bis hin zur heutigen ostasiatischen Wachstumsregion und schließt zweifellos die Vereinigten Staaten, den historischen Vorreiter des Protektionismus, ein.

Maßgebliche Werke der Wirtschaftsgeschichte erkennen an, dass staatliche Intervention eine entscheidende Rolle für das Wirtschaftswachstum gespielt hat. Doch wird ihr Einfluss unterschätzt, wenn man einen zu engen Betrachtungsmaßstab wählt. So wird gern unterschlagen, dass die für die industrielle Revolution absolut notwendige billige Baumwolle, die zumeist aus den USA stammte, nicht durch die Kräfte des Marktes billig und verfügbar blieb, sondern durch die Vernichtung der eingeborenen Bevölkerung und durch Sklavenarbeit. Natürlich gab es auch noch andere Baumwollproduzenten, an erster Stelle Indien. Seine Ressourcen flossen nach England, während seine eigene weit entwickelte Textilindustrie durch britische Gewalt und britischen Protektionismus zerstört wurde. Ein weiteres Beispiel ist Ägypten, wo die industrielle Entwicklung ungefähr zur gleichen Zeit begann wie in den Vereinigten Staaten. Doch auch hier intervenierte Großbritannien gewaltsam, weil es in dieser Region keine unabhängige Entwicklung dulden konnte und wollte. Neuengland dagegen konnte den Spuren des Mutterlandes folgen und die Einfuhr billigerer britischer Textilien durch extrem hohe Zölle blockieren.

Genauso hatte Großbritannien es einst selbst gehandhabt. Ohne derartige Maßnahmen wäre, so schätzen Wirtschaftshistoriker, die halbe neuenglische Textilindustrie in ihrer Wachstumsphase zerstört worden, was weitreichende Folgen für die Industrieentwicklung insgesamt gehabt hätte.

In der heutigen Zeit ist es die Energie, von der die entwickelten Industriegesellschaften abhängen. Das »Goldene Zeitalter« der Nachkriegsentwicklung beruhte nicht zuletzt auf preisgünstigem und im Überfluß vorhandenem Öl, wobei Drohungen oder Gewaltanwendung dafür sorgten, dass es so blieb. Und auf diese Weise geht es weiter. Ein großer Teil des Pentagon-Budgets dient dazu, die Ölpreise im Mittleren Osten auf einem Niveau zu halten, das die USA und ihre Energiegesellschaften für angemessen befinden: Eine technische Untersuchung (meines Wissens die einzige zu diesem Thema) kommt zu dem Schluss, dass die Ausgaben des Pentagons auf eine dreißigprozentige Subventionierung des Marktpreises für Rohöl hinauslaufen. Daran zeigt sich, dass »die geläufige Ansicht, fossile Brennstoffe seien billig, auf einer völligen Fiktion beruht«, konstatiert der Autor. Wenn wir solche versteckten Kosten ignorieren, werden unsere Einschätzungen über Handelseffizienz und gesundes wirtschaftliches Wachstum von höchst beschränkter Gültigkeit sein.

Eine Gruppe prominenter japanischer Ökonomen hat Mitte der neunziger Jahre eine mehrbändige Übersicht über Japans Programme zur Wirtschaftsentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt. Sie weisen darauf hin, daß Japan die »neoliberalen« Lehren ihrer US-amerikanischen Ratgeber verworfen und sich statt dessen für eine Form der Industriepolitik entschieden hatte, die dem Staat eine dominante Rolle zuwies. Erst als die Aussicht auf Handelserfolge zunahm, gingen Staatsbürokratie und Industrie-Finanz-Konglomerate allmählich dazu über, Marktmechanismen einzuführen. Die Ökonomen kommen zu dem Schluss, dass das japanische Wirtschaftswunder gerade auf der Ablehnung orthodoxer Wirtschaftsrezepte beruhte. Der Erfolg ist beeindruckend.

Fast ohne Ressourcengrundlage ist Japan in den neunziger Jahren zum weltgrößten Fertigungsproduzenten und zur weltweit führenden Quelle von Auslandsinvestitionen geworden. Zudem repräsentiert Japan die Nettorücklagen der halben Welt und finanziert die US-amerikanischen Defizite.

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Letzte Aktualisierung am 20.03.2005

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