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Mein Weg durch die Instanzen der staatlichen Verarschung
von Rüdiger Hentschel
69242 Mühlhausen
Im Jahr 1997 musste ich nach vier Jahren mein Studium der Sozialarbeit abbrechen, um als Busfahrer für den Unterhalt meiner Familie sorgen zu können. Schon nach zwei bis drei Jahren Arbeit als Busfahrer unter den Bedingungen privatisierungswütiger Arbeitgeber (in Wuppertal) befielen mich regelmäßig Symptome, denen ich nachgehen musste, denn sie behinderten mich in meiner Tätigkeit als Linienbusfahrer, aber auch das Leben nach dem Dienst. Denn die Symptome verhielten sich eindeutig so, dass ich intuitiv feststellen musste: Diese Schmerzen kommen vom Busfahren.
Ein türkischer Knochenarzt in Elberfeld, in dessen Untersuchung und Behandlung ich mich begeben hatte, ließ mich sehr deutlich spüren, dass ich seiner Ansicht nach ein Simulant sei. Deshalb ging ich nach Monaten zu einer anderen Ärztin. Diese ließ mich röntgentechnisch untersuchen. Der Befund, der sich aus dieser Untersuchung ergab, zwang sämtliche medizinischen und sozialen Einrichtungen dazu, die eher emotional geprägte Diagnose jenes Knochenarztes zu verwerfen und mich als einen Fall rehabilitativer Maßnahmen einzustufen.
In den unterschiedlichsten Organisationen, die zur Diagnose-Bestätigung herangezogen wurden, musste ich mir abstruseste Argumentationen anhören. So erzählte mir tatsächlich ein Arzt im Bethesda-Krankenhaus Wuppertal, dass von dem Phänomen, das mich betraf, Schwarzafrikaner von Natur aus betroffen seien. Insofern könne mein Schmerzempfinden nur eingebildet sein.
Meine gesundheitliche Entwicklung, die mich zu jenem Zeitpunkt tatsächlich von der ziemlich öden Tätigkeit als Busfahrer erlösen zu wollen schien, fiel in die Zeit um die Jahrhundertwende, als die Stadt Wuppertal sich anschickte, konzernstrukturelle Wirkprinzipien mit ihrem politischen und sozialen Handeln und Denken zu verbinden. Als bei der VSG Wuppertal beschäftigter Busfahrer bekam ich das deutlich zu spüren und musste während der Schichten noch Plakate lesen, auf denen man den Werbe-Schriftzug "Konzern Wuppertal" lesen konnte bzw. musste.
Die Arbeitsbedingungen bei der VSG, einer Tochtergesellschaft der Wuppertaler Stadtwerke, waren deutlich schlechter als ich sie bei der Rheinbahn kennengelernt hatte und in der täglichen Begegnung mit den Bediensteten der Wuppertaler Stadtwerke erleben musste. Wir VSGler arbeiteten ca. ein Drittel länger und bekamen ein Drittel weniger Geld als die Kollegen, die nicht so leicht aus den Wuppertaler Stadtwerken zu verdrängen waren. Ein Faktor, der das Leben erheblich erschwerte, war die "Sorgfalt", mit der die Dienste geplant und strukturiert wurden. In der VSG war es einfach weniger von Belang, wie sich eine schlechte, unsoziale Planung auswirkte. Die Busfahrer waren abhängig und wurden als Abhängige angesehen und hatten mit einer entsprechend geringen Rücksichtnahme zu rechnen. In dieser Zeit bekam ich, früher als Straßenbahner und Busfahrer bei der Rheinbahn Düsseldorf mit gut organisierten Diensten verwöhnt, einen Geschmack von der Fähigkeit der Menschen, andere wie Sklaven zu behandeln.
Umso bedeutender war für mich der Lichtblick, der sich mir durch meine Wirbelsäule eröffnete, nachdem endlich über verschiedene amtliche und halbamtliche Widerstände hinweg klar war, dass ich die Tätigkeit als Busfahrer nicht mehr ausüben konnte. Durch meine kaputte Wirbelsäule hatte ich die Chance, mit Hilfe des Sozialstaates
- dem Spott und der Hochnäsigkeit jener Mitarbeiter der Stadtwerke Wuppertal zu entkommen, die sich daran weideten, dass viele Menschen dazu verdammt waren, für die selbe Arbeitsleistung in der Summe fast 50 Prozent weniger Lohn zu bekommen
- einen Beruf zu erlernen
Doch die ganze Länge und Breite der gesellschaftlichen Veränderung seit meinem Statuswechsel vom Busfahrer zum Sozialarbeit-Studenten im Jahr 1993 hatte sich mir noch immer nicht aufgetan. Dazu musste ich noch erleben, dass das Arbeitsamt Wuppertal in den Jahren um die Jahrhundertwende massiv Akten vernichtete und behauptete, sie seien verschwunden. Einige Anfragen von mir wurden nie beantwortet und so zog sich mein Berufswechsel mit staatlicher Hilfe immer weiter hinaus. Viele private Berichte der Aktenvernichtungsstrategie des Arbeitsamtes Wuppertal beunruhigten mich und bestätigten sich in öffentlichen Meldungen.
Ich selbst wurde im Arbeitsamt Wuppertal mit haarsträubenden Falschauskünften zum Beispiel dahingehend manipuliert, dass ich mein Studium im Vertrauen auf die Hilfe des Arbeitsamtes abbrach. Am nächsten Tag erschien ich im Arbeitsamt Wuppertal mit meiner Exmatrikulationsbescheinigung, um von einer Dame, die vor sich ein dickes Gesetzbuch wälzte, umständlich erklärt zu bekommen, dass ein abgebrochener Student vom Arbeitsamt nichts, aber auch gar nichts zu erwarten habe.
Aber ich hatte ja noch die Chance, Unterstützung von der Landesversicherunganstalt Nordrhein-Westfalen zu erhalten. Das ist die Rentenversicherung für Arbeiter. Hier geriet ich an Frau L. - Frau L. hatte einen leichten Silberblick. Und sie war Anfängerin (was sich für mich leider erst später herausstellte). Sie sah ihre vornehmste Aufgabe darin, mich und mein Verlangen auf das Geringstmögliche zurechtzustutzen. Die "Beratungsgespräche", die ich mit dieser Person führen musste, waren eine einzige Frustrationsorgie.
Nach ein paar Wochen rentenversicherungsmäßig festgezurrter Ausweglosigkeit entschloss ich mich, den Job eines Automobilkaufmanns anzunehmen. Doch die Erniedrigung dieses Jobs, die in stundenlangem Herumsitzen hinter einer riesigen Fensterscheibe bestand, veranlasste mich, diesen Versuch abzubrechen. - Die Regeln der Landesversicherungsanstalt sahen nach dieser persönlichen Fehlleistung meinerseits nur noch die gnadenvolle Wiedereingliederungsmaßnahme vor. Das bedeutet: Suche dir einen Job und wir finanzieren deinem Arbeitgeber für ein Jahr die Hälfte der Kosten.
Einer Ausbildungsmaßnahme für den IT-Bereich war scheinbar aufgrund der Vorabentscheidung jener Frau L. ein nicht zu lösender Riegel vorgeschoben. Scheinbar waren merkwürdige Begünstigungsverhältnisse innerhalb der Landesversicherungsanstalt am Werke, denn ein Intelligenztest, den ich absolvierte, änderte nichts an meinem Status des minderwertigen, alten, nicht förderungswürdigen Schmarotzers.
Eine Folge meines Intelligenztestes war die Bemerkung einer weiteren Angestellten dieser ehrenwerten Institution: "So etwas haben wir in unserem gesamten Bestehen noch nicht gesehen!" Die Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz hatte festgestellt, dass mit mir mehr stimmte, als man sich wünschen konnte, veränderte aber nichts an ihrer Strategie. Die Folge war ein Gespräch mit dem dort verantwortlichen Ober-Professor. Dieser teilte mir seinerseits seine Bewunderung mit, erbat sich aber von mir die Vermeidung jeder Anzweiflung der Entscheidungen seiner Lieblingsunterstellten L.
Und ich Idiot habe das befolgt!
Daran kann man sehen, wohin Intelligenz führt, wenn sie nicht aggressiv ist!
Meine weitere berufliche Laufbahn gestaltete sich fast ohne die Unterstützung öffentlicher Institutionen. Lediglich die 50 Prozent Kostenübernahme für eine berufliche Wiedereingliederung auf die Dauer eines Jahres wurde gnädig vollzogen. Der Staat im jungen dritten Jahrtausend scheißt auf die Menschen. Das kann ich als Fazit feststellen. Der Mensch ist nur noch Ware, Material, Kroppzeug, Abfall, Verwertungsgut, Zielgruppe staatlicher und halbstaatlicher Schinder.
Mir gegenüber sitzt ein Mann, der noch das Glück hatte, mit der Hilfe des Staates eine fachliche Ausbildung zu absolvieren. Der verdient das Doppelte. Danke, Frau L.!
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